Im weißen Rössl

„Im weißen Rössl“ am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür…

 Rössl_Presse3_02

Am 17. September feierte das Singspiel  „Im weißen Rössl“ , von Hans Müller und Erik Charell, Premiere in der Stuttgarter Komödie im Marquardt und eröffnet somit die neue Spielzeit.

 Betritt man als Zuschauer das Theater, fühlt man sich direkt in die Bergwelt Österreichs versetzt – selbst an der Garderobe wird man von jungen Herren in Lederhosen empfangen und im Theatersaal thronen links und rechts sowie auf der Bühne große Berge, die auch passend beschriftet sind. Auch eine kleine Bergquelle darf nicht fehlen – diese tropft idyllisch aus dem höchsten Bergkoloss, welcher sich während des Stückes, um 180 Grad gedreht, als Hotel-Restaurant zum „Weißen Rössl“ verwandelt.

 

Das „Weiße Rössl“ am Wolfgangsee hat mittlerweile Kultcharakter und dürfte nicht nur als Operette, sondern auch als Heimatfilm, welcher im Jahr 1960 produziert wurde, beinahe jedem bekannt sein.

 Natürlich muss man als Zuschauer einer Bühnenfassung von vornherein Abstriche machen, da einfach die im Film präsentierte Welt so nicht auf einer Theaterbühne realisiert werden kann. Dennoch ist es beeindruckend, wie wenig Kulissen es benötigt, um eine rund zweistündige Show zu tragen und die Illusion eines österreichischen Urlaubsortes lebendig werden zu lassen.

 

Die Handlung des Singspiels in drei Akten basiert weitestgehend auf dem gleichnamigen Film. Es herrscht Hochsaison im Salzkammergut. Die verwitwete Wirtin Josepha (gespielt von Caroline Kiesewetter) leitet das „Weiße Rössl“ und ist dabei sehr auf die Hilfe ihres Personals angewiesen. Zahlkellner Leopold (Dieter Bach brilliert in dieser Rolle mit dem original Wiener Schmäh) hingegen bewahrt stets die Ruhe, auch wenn die Touristen vor Ort Hektik und Stress pur verbreiten. Das Einzige, was sein Leben aus der Bahn bringt, ist seine Liebe zu Josepha – doch diese ignoriert Leopolds Avancen und hat es mehr auf einen immer wiederkehrenden Reisegast, den Jurist Dr. Siedler (wunderbar humorvoll und pointiert von Axel Weidemann verkörpert) abgesehen.

 

Dass Dr. Siedler ein völlig anderes Objekt der Begierde hat, zeigt sich im Laufe des Stückes. Der Berliner Trikotagenfabrikant Wilhelm Gieseke (Michael Hiller mit einwandfreiem Berliner Akzent und grantelnder Art und Weise) ist in diesem Jahr ebenso  im „Weißen Rössl“ zu Gast, gemeinsam mit Tochter Ottilie (gespielt von Anne Kathrin Bömkes). Ottilie fühlt sich ebenfalls zu Dr. Siedler hingezogen, allerdings wissend, dass ihr Vater nicht gut auf diesen Herren zu sprechen ist, da er wegen ihm einen Prozess gegen seinen Erzrivalen Dr. Sülzheimer verlor. Komplettiert wird die Touristenschar durch den Sohn des Fabrikanten Sülzheimers, den Schönen Sigismund (Lutz Standop), der sich auch schon auf der Fahrt ins Salzkammergut verliebte – in das lispelnde Klärchen (Karoline Goebel), Tochter des Sparfuchses Prof. Dr. Hinzelmann (Ernst Wilhelm Link).

 

Das Gefühlschaos im „Weißen Rössl“ kennt keine Grenzen und so sind auch die Gäste dort Irrungen und Wirrungen ausgesetzt, bis hin zum Happy End, welches natürlich am Ende alle versöhnt und letztendlich drei Paare zueinander fanden.

 Eine zentrale Szene des gleichnamigen Filmes ist, als sich kein geringerer als Kaiser Franz Joseph II. ansagt und das „Weiße Rössl“ besucht. Dies wurde jedoch komplett aus der Bühnenfassung gestrichen. So erfährt Leopold zwar durch den Piccolo (gespielt von Till Nau, der auch für die Choreographien des Stückes zuständig ist), dass der Kaiser naht, doch dieser fährt nur mit seinem Dampfer am „Weißen Rössl“ vorbei. Es stellt sich hierbei die Frage, ob diese Änderung nun positiv oder negativ für das gesamte Stück ist – an sich muss das jeder Zuschauer selbst entscheiden. Die neun Mimen auf der Bühne jedenfalls erbringen allabendlich Höchstleistungen. Sie spielen, singen und tanzen und das mit einer Leichtigkeit und Spielfreude, die mitreißend ist und allgemein auch die Zuschauer ansteckt.

Dass einige der Darsteller auch bereits in namhaften Musicalproduktionen zu sehen und hören waren, lässt sich durchaus erahnen. Leider werden die Stimmen nicht ausreichend mit Mikrofonen unterstützt oder speziell verstärkt und mit Hall ergänzt. So kämen die zahlreichen Lieder noch besser zur Geltung. Doch auch dies ist nur reines subjektives Empfinden. Bei den Ensemble-Stücken harmonieren die Stimmen perfekt und Till Naus Choreographien passen stets zu den Titeln und wirken unterstützend und oftmals auch äußerst komisch, besonders wenn sich Dr. Siedler mit seinem Spazierstock von dem Balkon seines Hotelzimmers hinunterhangelt und dabei ein Liedesduett mit seiner Ottilie anstimmt („Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“). In einer weiteren Szene wird der berühmte österreichische „Schnürlregen“ dargestellt – alle Protagonisten haben hierbei Schirme in der Hand und die Choreographie hierbei erinnert stark an eine Mischung aus „Singin in the rain“ sowie einer Szene aus dem Musical „Elisabeth“.

Unterstützt werden die Schauspielerinnen und Schauspieler von drei Musikanten, die während des gesamten Abends, passend in Tracht gekleidet, auf der Bühne sitzen und die Akteure bei ihren Liedern begleiten. Dass ein Akkordeon (gespielt von Ulrich Schlumberger), ein Kontrabass (Henrik Mumm/Dominik Ludwig) sowie eine Gitarre (Sven Götz/Michael Nessmann) tatsächlich ausreichen, um ein ganzes Stück muskalisch zu tragen, würde man anfangs nicht denken. Auch hier verhält es sich zwar wie beim Gesang der Darsteller und die Instrumente sind einfach etwas zu leise, jedoch wurde wohl bewusst auf die Technisierung verzichtet und das Ursprüngliche der damaligen Zeit kommt somit nur noch stärker zum Vorschein! Dass auch dieses Trio über höchste Musikalität verfügt, macht nicht nur Freude, sondern zeigt auch, wie wichtig es ist, dass alle Gebiete miteinander harmonieren.

 

Ulf Dietrichs Inszenierung mag wahrscheinlich nicht für jeden ein Augen-und Ohrenschmaus darstellen, doch gute Unterhaltung liefert das Stück allemal und so kommt es unter anderem auch vor, dass Zuschauer beginnen mitzusingen und mitzuklatschen. Die „gute alte Zeit“ wird wiedererweckt und durch die sehr gut ausgewählten Charaktere, die auch durch alle Darsteller perfekt verkörpert werden, entsteht ein harmonisches Gesamtwerk, das einfach Spaß macht und gute Laune bringt.

 

Die Situationskomik und der Wortwitz kommen ebenso nicht zu kurz und auch die Kostümwahl ist weder überzogen, noch modernisiert. Und aus eigener Erfahrung kann ich abschließend noch hinzufügen, dass es auch im wahren „Weißen Rössl“ oftmals so zugeht, wie es auf der Bühne gezeigt wird.

Erleben Sie eine besondere Zeitreise zwischen „Möhlspeisn“ und „Berliner Weiße“, gepaart mit dem Charme der Berge und des Wolfgangsees. „Im Weißen Rössl“ wird noch bis zum 07.November täglich, außer montags, in der Komödie im Marquardt gespielt!

Bericht: Franziska Maier

 Fotos: Komödie im Marquardt

 

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)