West Side Story – Theater Trier

WEST SIDE STORY

 trier

Das Ausweichquartier des Theaters Trier ist eine alte Fabrikhalle auf dem Trierer Bobinet-Gelände, auf dem fast 60 Jahre lang Textilien hergestellt wurden. Nun werden ein Teil der Hallen in Büroräume, Lofts, Ateliers oder andere Gewerbeeinheiten umgebaut, ein Teil wird komplett abgerissen und in der Konzepthalle hat das Theater Trier vorübergehend seine Zelte aufgeschlagen, bis das eigentliche Theater Am Augustinerhof nach Umbau im Oktober wieder seine Pforten öffnet.

Für das Musical „West Side Story“ ist die Fabrikhalle eine interessante Location, spielt das Musical doch in der New Yorker Upper West Side der 50er. Bei den Kulissen hätte Bühnenbildner Dirk Immrich allerdings – speziell für die berühmte Balkonszene – etwas kreativer sein können. Hier dienen ein paar gestapelte Europaletten als Erhöhung, die aber auch auf der restlichen Bühnenfläche verteilt immer wieder ins Auge fallen. So weiß man nicht, steht Maria nun in einer Lagerhalle auf Paletten oder zu Hause auf ihrem Balkon. Für Zuschauer, die das Stück nicht kennen, nicht ganz leicht nachzuvollziehen. Genauso Doc´s Drugstore, der in Form eines Wohnwagens in der Halle steht. Ein einfacher Tresen mit ein paar Barhockern davor hätten den Zweck eher erfüllt.

Bei der Szene im Brautmodengeschäft, wo Maria und Tony ihre Hochzeit spielen, fehlt es ebenfalls an ein paar Requisiten. Zwei Schneiderpuppen z.B., mit einem Brautkleid und einem Frack und Zylinder bestückt, wäre schon viel Effekt ohne großen Aufwand gewesen.

Ansonsten passt das Hallen-Ambiente und der Rest der Kulissen – auf der einen Seite das Lager der Jets mit Wänden, auf denen Kampfjets sind, auf der anderen Seite das Lager der Sharks, auf deren Wände Haie zu sehen sind – sehr gut zum Stück.

Ein kleines Ärgernis waren allerdings der Einlass, die drei Damen an der Einlasskontrolle mussten parallel noch Programmhefte verkaufen, was einen großen Rückstau fabrizierte und den Beginn der Vorstellung um ca. 10 Minuten verzögerte. Dann die Zuschauertribüne, die aus schmalen Kunststoff-Klappsitzen und einem Latten-Boden besteht. Die Sitze sind nicht gerade sehr bequem und der Boden eine wahre Absatz-Falle für Damen, mit hohem, schmalem Absatz. Natürlich braucht die große Halle aus statischen Gründen Säulen – leider stören diese immer wieder die Sicht auf verschiedene Szenen. Nur gut, dass die Darsteller in Bewegung bleiben und selten länger an einer Stelle stehen. So hat jeder Zuschauer von jedem Platz die Chance, dem Treiben zu folgen.

Sicher ist es nicht einfach, einen guten und ausgeglichenen Raumklang in dieser Halle zu mischen. Das war des öfteren zu hören, mal war die Musik zu leise, mal das Ensemble – insbesondere die Jets. Schade vor allem im ersten Akt beim Stück „Tonight – Quintet and Chorus“, bei dem alle singen. Hier hört man Maria (Joana Caspar) und Tony (Carsten Lepper) deutlich heraus, Anita (Sabine Brandauer) so gut wie gar nicht und die beiden Ensembles Jets (David Scherzer, Tim Heisse, René Klötzer, Carsten Emmerich, Robert Seipelt, Denis Burda und Arne David) mit ihrem Anführer Riff (Eric Rentmeister) und Sharks (Noala de Aquino, Reveriano Camil, Gino Abet, Sven Niemeyer und Claudio Romero) mit ihrem Anführer Bernardo (Luis Lay)  nur im Hintergrund.

Carsten Lepper geht in seiner Rolle als Tony voll auf und man nimmt sie ihm vom ersten Moment bis zu seinem Tod voll ab. Egal ob netter Junge, mutiger Schlichter oder unsterblich Verliebter – er meistert alle Facetten dieser Rolle perfekt. Auch Joana Caspar als Maria ist wunderschön anzusehen und zu hören. Mit ihrem klaren und reinen Sopran besticht sie von der ersten Sekunde an – auch wenn er für eine Musical-Rolle fast zu klassisch ist.

Ebenso kann Sabine Brandauer als Anita in jeder ihrer Szenen mit perfekter Stimme punkten. Ihre schauspielerischen Qualitäten zeigt sie vor allem in der beklemmenden Szene, in der sie von den Jets vergewaltigt wird und anschließend aus Wut den Tod Marias verkündet.

Bei den Damen-Ensembles der Jets (Juliane Hlawati, Susanne WesselLisa Ludwig) sticht vor allem Christin Braband als freche Anybody´s heraus. Sie will unbedingt zu den Jungs der Gang gehören, was sie irgendwann durch ihre große Klappe und viel Geschick auch schafft.

Die Damen der Sharks (Magali Schmid, Cecile Rouverot, Minja Anusic, Natalia Grützmacher, Cynthia Nay und Erin Kavanagh) bestechen vor allem bei den berühmten Szenen „I want to be in America“ und „I feel pretty“ – wobei sie in der Ersteren gesanglich den Männern unterlegen sind, was aber auch an der Tonabmischung liegen kann.

So auch bei der Jets-Szene „Cool“, das Ensemble war kaum zu hören und man konnte dem Text nicht folgen. Hier waren es aber sicher Probleme in der Tontechnik, da ein Mikro immer wieder gerauscht hat und die Techniker eine Weile brauchten, bis sie den Übeltäter gefunden hatten. Daher wurde erst mal das komplette Ensemble runtergefahren, um das Rauschen zu unterdrücken.

Eine sehr gute Ensemble-Szene lieferten die Jets aber mit „Officer Krupke“ – auch wenn diese plötzlich in Deutsch gesungen wurde –was etwas verwunderte, wurden die anderen Songs doch alle durchweg in Englisch gesungen.

Das Duo Officer Krupke (Christian Miedreich) und Inspector Schrank (Lászlo Lukács) sind durch das gesamte Stück immer wieder präsent, versuchen Ordnung in ihr Revier zu bekommen, scheitern aber regelmäßig an den Gangs. Besonders Krupke hat die Lacher durch seine etwas trottelige Art auf seiner Seite.

Doc, gespielt von Pawel Czekala, ist die gute Seele des Stückes. Er versucht immer wieder, die Gangs zu Vernunft zu bringen und ihnen zu vermitteln, dass Kriege und Kämpfe keine Lösung sind. Leider kommt er gegen die Sturheit, den Hass und Aggression der „Halbstarken“ nicht an und kann auch den Tod von Riff, Bernardo und Tony nicht verhindern.

Ein Augenschmaus ist auch die hervorragende und abwechslungsreiche Choreografie von Sven Grützmacher. Die Kostüme von Alexandra Bentele sind einfach, aber durchaus zweckmäßig und so gestaltet, dass man die einzelnen Gang-Mitglieder auch in Szenen wie dem Kampf voneinander unterscheiden kann.

Das Philharmonische Orchester der Stadt Trier spielt sich unter der Leitung von Generalmusikdirektor Victor Puhl gelungen durch die sehr anspruchsvolle Partitur Leonard Bernsteins und macht den Abend auch musikalisch zu einem Hochgenuss.

Einziger Wehmutstropfen ist aber der Schluss, als Tony in den Armen Marias verstirbt. Die  Gangs gehen danach einfach auseinander, jede in ihr Revier, und lassen Maria mit Tony zurück. Eigentlich sollte der Schluss zeigen, dass die Gangs begreifen, dass es sich nicht lohnt, wegen ihrer Konflikte Menschenleben zu opfern. Wenn sie die Leiche Tonys schon nicht gemeinsam hinaustragen, so hätten sie sich wenigstens irgendwie auf er Bühne vereinen und sie gemeinsam verlassen müssen. Schade, dass diese doch sehr wichtige Botschaft komplett vernachlässigt wurde.

Insgesamt verspricht die Inszenierung des Theaters Trier Unterhaltung auf höchstem Niveau. Wenn auch in manchen Punkten fast zu modern (in den 50ern gab es auch in den USA noch keine Mobiltelefone), wirkt das Stück so keineswegs antiquiert. Die Thematik ist nach wie vor aktuell – egal ob es Straßen-Gangs oder Bevölkerungsgruppen sind, die sich auch heute noch weltweit bekriegen.

 

 

„West Side Story“ im Theater Trier noch zu sehen bis 09. Oktober 2011.

 

Infos und Tickets unter www.theater-trier.de

  

Bericht: Sabine Böhm

Bilder: Theater Trier: Marco Piecuch

 

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)