Barbarossa

Barbarossa – eine historische Figur mit aktuellem Zeitgeist

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Die Freilichtspiele im Kloster Adelberg warteten mit einer monumentalen Produktion des Musicals von Hans Ulrich Pohl und Gunnar Kunz auf. Für über drei Stunden wurden die Zuschauer in die Welt des Mittelalters entführt.

Die Zeitreise ins 13. Jahrhundert hat jedoch einen doppelten Boden, ist doch die Innenwelt der Figuren von Sinnsuche in der Zerissenheit zwischen weltlichen, öffentlichen Repräsentationsverpflichtungen und privatem Gefühl zu Mitmenschen und der Welt im Allgemeinen geprägt, wie sie aktueller nicht sein könnte

Das Spannugsfeld von dogmatischer Glaubenslehre und persönlichen Glaubenserfahrungen, erinnert daran, wie sehr in unserer Zeit der Zurschaustellung von Gefühlen in Massemedien und sozialen Netzwerken, die eigentlichen Meinungen und Gefühle, hinter scheinbarer Offenheit verschwinden.

Barbarossas engster Vertrauter und Kindheitsfreund Anselm fühlt sich seinem Herren mehr als freundschaftlich verbunden. Barbarossas Frau Adela hat mit dem König eine gute Partie gemacht, doch ihr Herz gehört nur dem Verwaltungsbeamten Dietho, der eigentlich ein gesetzestreuer und verstockter „Paragraphenritter“ ist. Abt Burghard lädt Sünde über Sünde auf sich, um Gott zu dienen indem er den Kaiser zu gunsten des Papstes manipuliert. Beatrix, Barbarossas zweite Frau, wird als Kind mit ihm verheiratet, verliebt sich später tatsächlich unsterblich in den Kaiser und manipuliert ihn doch, um ihn ihrem Bild eines Herrschers anzupassen.

Wirrungen genug für eine klassische Oper und so stellt das Musical den Handlungszeitraum von über 40 Jahren auch in über 3 ½ Stunden dar. Dass das Stück bei einer wenig straffen Inszenierung, mit gelegentlichen Längen in den Umbauten, das Publikum doch fesselt ist einer Riege starker Darsteller zu schulden.

Bianca Spiegel zieht in der Rolle der Adela alle Register schauspielerischen Könnens. Ihre Frustration über den Ehemann,mit dem sie nichts anfangen kann, die Schuldgefühle wegen ihrer Liebe zu einem Anderen, der panische, Tränen aufgelöste Zusammenbruch bei der Entdeckung ihrer Untreue und die schiere Lebensfreude bei der Vereinigung mit ihrer wahren Liebe, sind bis in die letzen Reihe körperlich spürbar. So soll Schauspiel aussehen.

Die Überraschung im zweiten Akt war die Darstellung der Beatrix durch Annica Landrichter. Landrichter, selbst noch Schülerin musste den Vergleich mit den Profis nicht scheuen und überzeugt durch ehrliche, unmittelbare Darstellung. Ohne auf künstliche Posen zurückgreifen zu müssen, überzeugt sie uns von der Verletzlichkeit ihrer Figur und den Gefühen zu Barbarossa.

Laura Carrino ist ein Name, den man sich als Musicalfreund merken sollte. Ihre Verkörperung der Mystikerin war tatsächlich magisch. Ihr Duett „Überall ist Gott“ in dem Sie mit Barbarossa die Welt des Glauben ergründet, war ein Höhepunkt des zweiten Akts. Carrino verfügt über eine sauber geführte, soulige Stimme mit klarer Höhe, die sich ideal mit dem warmen Bariton von Peter Bold mischte.

Auf der Seite der Männer waren drei Rollen besonders hervorzuheben.

Der von Christian Mehring gespielte Mönch, steckte mit seiner Lebenslust das gesamte Publikum an. Schelmisch und sympathisch verschlagen, überzeugt er sowohl stimmlich, wie auch darstellerisch.

Abt Burkhard, wurde von Florian Voigtländer zum Leben erweckt. Er intrigiert, er macht sich lieb Kind, er mordet.

Kaiser und Suchender nach Erleuchung, Gutmensch und Choleriker, der Barbarossa scheint eine Traumrolle für Peter Bold zu sein. Seine schiere Präsens trägt die Aufführung von Szene zu Szene, hält das Stück zusammen. Das Wechselbad der Gefühle meistert er mit Bravur, glänzt mit differenziertem Einsatz der stimmlichen Mittel. Verletzlichkeit und Wärme in den Duetten mit seinen Frauen, wechseln sich mit den für die klassisch gebildete Stimme ungewohnt rockigen Tönen des Fluchliedes. Die Stimme wird zu einem prächtigen Knurren, dass einem Schauder über den Rücken jagt. Wenn er um seine verstorbene Frau klagt, ist Bold scheinbar um Jahrzehnte gealtert und rührt das Publikum zu Tränen.

Verdiente Standing Ovations für die Uraufführung der Neuinszenierung von Barbarossa. Wir wünschen und mehr davon!

Bericht: Alexander Dokov

Fotos: Constanze Pohl, copyright Musekater 2012

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)