Interview mit den Wise Guys

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Interview mit Nils Olfert

1) Ihr seid die bekannteste und erfolgreichste A-capella-Band Deutschlands. Alles begann in der Schule als Bläsergruppe, mutierte zur Schüler-Rockband und entwickelte sich dann Richtung a-capella. Hättet Ihr damals je gedacht, dass das Ganze einmal Euer Beruf werden wird oder könnte?
Nils: Was ich von den anderen Jungs weiß ist, dass sie sehr schnell gemerkt haben, dass ihre Musik unheimlich gut ankommt. Erst mal haben sie auf der Straße Musik gemacht, irgendwann wurde es immer mehr, auch durch Mundpropaganda. Und dann kommt früher oder später der Moment, an dem man sich entscheiden muss, will man das als Beruf machen. Wir haben ja alle noch eine andere Ausbildung gemacht oder studiert und dann kam eben die Entscheidung: ja, wir machen das hauptberuflich. Das ist die Frage, die sich jedem Künstler irgendwann stellt. Und wenn der Spaß dabei ist, ist das sehr schnell klar.

2) Ihr habt alle angefangen zu studieren, teilweise habt Ihr das Studium dann abgebrochen. Ich kann mir vorstellen, dass die Eltern davon nicht gerade begeistert waren. Wurdet Ihr von Euren Eltern und Familien trotzdem unterstützt und gefördert?
Nils: Ja, auf jeden Fall. Alle unsere Eltern stehen voll dahinter, das müssen sie auch. Denn wenn man keinen Rückhalt von der Familie hat, macht man so was nicht. Es war bei mir auch so, ich habe eine abgeschlossene Ausbildung als Zahntechniker und bin Biologe. Kurz nach meinem Abschluss und Diplom hab ich zu meinen Eltern gesagt: ich habe gehört, bei den Wise Guys hört einer auf – ich möchte das gerne machen, wie findet ihr das? Sie haben gesagt, mach es sofort. Sie wussten, dass das in meiner Seele steckt und sie haben ja mitbekommen, dass ich so viel Freude an der Musik habe.

3) Eure Alben erreichen zwischenzeitlich Spitzenpositionen in den deutschen Albumcharts. Ihr seid erfolgreich, die Konzerte sind meist schon Wochen vorher ausverkauft – so könnte es doch noch viele Jahre weitergehen, oder?
Nils: Ja klar! Und das wird hoffentlich auch noch lange so weitergehen. Wir empfinden es auch als super toll, es ist für uns einfach irre, wenn man weiß, wir geben in einem Jahr irgendwo ein Konzert und das ist schon so gut wie ausverkauft. Das macht uns natürlich total stolz und froh weil wir dadurch erfahren, dass viele Leute uns hören wollen und dass die Musik irgendwie weitergetragen wird. Wir sind immer dabei zu versuchen, noch einen drauf zu legen und weiterzukommen.

4) Habt Ihr schon mal überlegt, Euch anderssprachig weiterzuentwickeln, über den deutschsprachigen Bereich hinaus?
Nils: Eigentlich nicht. 98% unserer Texte sind deutsch, es sind höchstens Cover-Versionen, die mal ins Programm reinkommen und z.B. englisch sind. Es ist Dän´s Anliegen, er ist ja Haupttexter und -komponist, und unseres auch – wir sind Deutsche und Deutsch ist eine sehr schöne Sprache. Man muss sie eben gut in die Lieder verpacken und das gelingt Dän sehr gut. Damit erreicht man sehr viele Leute und wenn die Texte ehrlich gemeint sind, merkt das Publikum das und die Texte kommen auch an. Im Ausland ist es natürlich mit deutschen Texten schwierig. Gut, wir touren durch Österreich und Schweiz, haben auch mal Projekte, dass es z.B. mit dem Goethe-Institut irgendeinen Austausch gibt, aber das sind dann keine langen Konzert-Tourneen.Ansonsten könnten wir uns allenfalls noch die Anrainerstaaten wie Belgien oder Niederlande vorstellen. Aber weiter ist nichts geplant.

5) Ihr seid alle verheiratet und habt Kinder. Es ist sicher nicht leicht, wenn man wochenlang unterwegs ist und nur per Telefon oder Internet/Webcam Kontakt halten kann. Wie stehen Eure Familien zu Eurem Job?
Nils: Es ist schon schwierig, vor allem bei den anderen Vier, die alle Kinder haben. Es fällt schon schwer, wenn man mal ein paar Tage zu Hause war und dann wieder länger auf Tour geht. Aber das ist es eben, was der Beruf mitbringt. Außerdem haben wir relativ große Freiblöcke. Wir sind schon das ganze Jahr über auf Tour, aber es gibt große Sommerferien, Herbstferien, Weihnachtsferien und noch freie Zeit im Frühjahr/Ostern. In dieser Zeit versucht man das Familienleben sehr intensiv zu leben. Und in der Zeit ist auch sehr wenig Wise Guys, wir sehen uns als Kollegen kaum, manchmal auch gar nicht. Und diese freien Zeiten werden auch konsequent geblockt, egal wie viel Anfragen kommen. Es muss einfach ein Privatleben geben, ansonsten geht man kaputt. Die Familien sind auch der Rückhalt, sie halten zu Hause die Stellung, was ein sehr hoher Wert ist.

6) Habt oder hattet Ihr musikalische Vorbilder und wenn ja, welche?
Nils: Ich glaube, dass jeder von uns eigene Vorbilder hat. Es gibt es auch nicht, dass wir alle z.B. die Comedian Harmonists gut finden. Sicher finden wir die alle irgendwie gut, aber trotzdem hat jeder von uns seine eigenen Idole. Ich kann jetzt nur für mich sprechen, ich finde Robbie Williams sehr stark. Er ist einfach ein riesiger Entertainer, hat auf der Bühne eine wahnsinnige Ausstrahlung und zieht das Publikum sofort mit. Aber ich denke, gerade als Musiker muss man einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack haben. Man darf keine Scheuklappen haben und sagen, das mag ich nicht. Ich finde, jeder sollte auch einmal Tibetanischen Kehlkopfgesang gehört haben um sagen zu können, das ist meine Richtung oder nicht. Man darf nicht zu engstirnig werden.

7) Zwei der ehemaligen „Wise Guys“, Christoh Tettinger und Clemens Tewinkel, aus der ursprünglichen Besetzung sind zwischenzeitlich abgesprungen, um einem „normalen“ Job nachzugehen. Habt Ihr noch regelmäßig Kontakt und bereuen es die beiden vielleicht nicht doch, dass sie ausgestiegen sind?
Nils: Zu Christoph haben wir noch guten Kontakt, er ist nach wie vor in einer Beraterfunktion tätig. Schaut mal über neue Lieder drüber oder überlegt, welche neuen Konzepte man machen könnte, steht uns also immer als Berater zur Seite. Zu Clemens haben wir relativ wenig Kontakt, wobei ich persönlich sowieso den wenigsten Kontakt hatte.

8) Du hast damals mitbekommen, Clemens hört auf und die Wise Guys suchen einen Nachfolger. Kanntest Du die Wise Guys vorher schon?
Nils: Jain – also ich war auf jeden Fall kein extremer Fan. Ich kannte die Musik – Songs wie „Jetzt ist Sommer“ oder „Radio“ hab ich mal gehört. Der Witz war, gerade in dem Jahr 2008 hat mich meine Mitsängerin von meiner ehemaligen Band, in der ich gesungen habe, in ein Konzert der Wise Guys mitgeschleppt. Das war im Frühjahr – sie sagte, die musst du unbedingt mal anhören. Und ich war im Konzert und fand die Jungs total genial. Dann verging einige Zeit, ich hatte gerade meine Diplomarbeit fertig gemacht, da kam eine Kommilitonin von mir und sagte: du, bei den Wise Guys hört Clemens auf – wär das nicht was für Dich? Sie wusste, was ich an Musik schon gemacht habe und wie ich singe. Und durch sie bin ich überhaupt darauf gekommen. Ich hätte das selbst gar nicht mitbekommen. Sie war sozusagen mein Schicksal, das war das beste, was mir passieren konnte. Und so habe ich mich dann beworben, denn ich dachte, mit Anfang 30 sollte man langsam überlegen, welche Richtung man geht – den normalen Ausbildungsweg weiter oder man macht Musik. Ich wollte mein Leben lang beruflich Musik machen, hab es davor nur als Hobby gemacht und mir war klar, die Chance muss ich ergreifen, das ist wahrscheinlich die letzte in Deinem Leben – und es hat geklappt.

9) Das Casting war ja ein längerer Prozess. Wie kann man sich das vorstellen – ähnlich wie die gängigen Castingshows im Fernsehen?
Nils: Es lief so ab, dass sich 350 Leute beworben haben, schriftlich mit Demo-Aufnahmen, Bild und Lebenslauf. Von diesen sind letztendlich 12 ausgewählt worden, die persönlich nach Köln eingeladen wurden. Man musste 3 Lieder vorbereiten, jeweils Haupt- und Nebenstimme. Dann gab es ein richtiges Vorstellungsgespräch, die Jungs saßen an einem Tisch und man musste etwas über sich selbst erzählen, es wurden Fragen gestellt, z.B. ob man sich das Tour-Leben vorstellen kann. Ja und dann wurde gesungen. Das ganze Gespräch hat 30 Minuten gedauert und es war alles so getimt, dass ich meine Konkurrenten nicht gesehen habe. Das war sehr gut gemacht. Ich wusste zwar nicht, wie gut sind meine Konkurrenten, aber ich war dadurch auch nicht unter Druck gesetzt, konnte wirklich das zeigen, was ich konnte. Nach diesem Tag kam dann ein Anruf, dass ich unter den letzten drei bin. Es gab dann noch einen zweiten Tag, an dem man im Tonstudio getestet wurde, wie verhält sich der Kandidat im Studio. Ja und da bin ich dann letztendlich als Sieger hervorgegangen. Aber es gab natürlich nie so was wie diese Bohlen-Sprüche. Es waren tatsächlich die Leute da, die uns jetzt auch begleiten: unser Produzent, Gesangscoach, der Arrangeur für die Orchester-Arrangements für Rundfunkkooperationen usw. Und die haben auch bei der Entscheidung geholfen.
Ich muss sagen, ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt. Gleich vom ersten Moment an, als ich mit den Jungs auf der Probenbühne stand. Ich dachte, das klingt geil, wenn du mit denen singst und du fühlst dich dabei wohl. Und das war für mich das erste Zeichen, das könnte was werden.
Ich bin zwischenzeitlich volles Mitglied der Gruppe. Die Fans haben mich total toll angenommen, in der Gruppe ist eine wahnsinnig gute Stimmung, wir verstehen uns richtig gut, es macht einfach Spaß. Klar gibt es mal Reibereien. Wir sind 5 Leute, die 5 Meinungen haben und es ist manchmal schwer, eine Entscheidung zu finden. Aber irgendwie klappt es. Es gibt Kompromisse wie in jeder Partnerschaft oder Beziehung. Aber auch wenn es mal ein klein wenig kracht ist es nie so, dass man denkt, warum bin ich nur in diese Gruppe gegangen. Es ist ja klar und das weiß man auch, wenn man in so eine Gruppe rein kommt, kann nicht immer nur Sonnenschein sein.

10) Habt Ihr schon mal überlegt, was die Zukunft bringen könnte? Solange der Erfolg anhält, macht Ihr natürlich weiter. Aber hat man schon mal überlegt, was in 10 / 20 Jahren sein könnte?
Nils: Ehrlich gesagt, noch nicht. Gut, ich sowieso noch nicht, da ich erst so kurz in der Band bin. Aber ich kann mir vorstellen, dass man auf jeden Fall mit dem künstlerischen Bereich zu tun haben wird. Dass man vielleicht hinter dem Mischpult andere Gruppen versucht zu coachen und weiterzubringen. So was könnte ich mir vorstellen in 20 / 30 Jahren, wenn es nicht mehr weitergehen sollte. Aber da denk ich jetzt erst mal noch nicht dran und hoffe, dass das Bühnenleben noch lange weitergeht. Zurück in den alten Beruf ist für mich im Moment total abwegig – obwohl ich Biologie geliebt habe – ich kann es mir nicht vorstellen. Auch bei den Kollegen ist es, denke ich, nicht anders.

Weitere Informationen zu den Wise Guys unter: www.wiseguys.de

Interview: Sabine Böhm
Fotos: wiseguys.de

Sabine Boehm

Sabine Boehm

Chefbloggerin Mitglied bei der DFJV (Deutscher Fachjournalisten-Verband AG) Kontakt: Sabine.Boehm@flashing-light.de Flashing Light ist eine rein ehrenamtliche Seite, keiner der Blogger übt diese Tätigkeit hauptberuflich aus. Es handelt sich um eine unentgeltliche Beschäftigung. Dies betrifft ebenfalls die Verantwortlichen und Webmaster!