Sweeney Todd Ettlingen

SWEENEY TODD

Schlossfestspiele Ettlingen

todd

Als tiefschwarze Operette bezeichnet Komponist Stephen Sondheim sein Werk, das am 01. März 1979 am New Yorker Broadway uraufgeführt wurde. Am 02. Juli 1980 feierte es seine Europa-Premiere im Londoner Westend, die deutsche Erstaufführung folgte am 11. April 1985 in Freiburg. 2007 fand das Musical seinen Weg auf die Kinoleinwand mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter in den Hauptrollen.

Unter Kennern gilt Sondheim als Wagner der Musical-Komponisten und so erwartet den Zuschauer keine leichte Abendunterhaltung sondern geschickt arrangierte komplexe musikalische Strukturen. Komplizierte Harmonien und Melodien sind seine Vorliebe, die sicher schon den einen oder anderen Musiker oder Sänger zur Verzweiflung gebracht haben.

Die Geschichte von Sweeney Todd spielt im London des 19. Jahrhunderts. Der mit Frau und Kindern solide lebende Barbier Benjamin Barker gerät unschuldig in die Mühlen der Gesetzlosigkeit und wird vom korrupten Richter Turpin, der es auf Barkers Frau abgesehen hat, in die australische Verbannung geschickt. Als Sweeney Todd kehrt Barker nach 15 Jahren mit Hilfe des jungen Seemanns Anthony nach London zurück. Seine Frau hält er für tot und seine Tochter ist das Mündel ausgerechnet seines Todfeindes Turpin. Er bezieht wieder die Räumlichkeiten seines ehemaligen Barbier-Shops in der Fleet Street und schließt mit der unter ihm lebenden Fleischpastetenbäckerin Mrs. Lovett einen skurrilen Deal. Während sich Anthony in Todds Tochter Johanna verliebt und sie aus den Klauen Turpins zu befreien versucht, beginnt Todd seinen Rachefeldzug. Zur Rasur gibt es bei ihm die durchschnittene Kehle gratis dazu, die Leichen verschwinden Dank Mrs. Lovetts Pasteten-Backkunst auf praktische Weise. Und plötzlich finden die Pasteten auch wieder reißenden Absatz, das Geschäft brummt. Humorvoll, skurril und auch romantisch ist der weitere Verlauf der Geschichte. Am Ende der spannenden und dramatisch-schaurigen Handlung wird das Weltbild und die Moral aber selbstverständlich wieder hergestellt.

Die Schlossfestspiele Ettlingen warten mit einer grandiosen und erlesenen Cast auf.

In der Hauptrolle des Sweeney Todd ist Fernand Delosch zu sehen. Mit herausragender Stimme und hervorragendem Spiel fesselt er die Zuschauer blutrünstig und mit hasserfüllter Miene.

Mrs. Lovett wird von Gudrun Schade gespielt. Dass die Bühne ihr Zuhause ist, zeigt sie eindrucksvoll und singt sich problemlos und der nötigen Prise Charme und Komik durch die anspruchsvolle Rolle.

Jon Geoffrey Goldsworthy gibt den gnadenlosen und männlichen Trieben folgenden Richter Turpin absolut überzeugend und stimmlich exzellent.

Seinen treu ergebenen Handlanger und Büttel spielt Thomas Schirano. Auch er überzeugt durch stete Präsenz, starkem Spiel und stellenweise ungewöhnlicher Stimme.

Nikolaj Alexander Brucker gibt einen gefühlvollen und romantischen Anthony, der aber auch  ausdrucksvolle Stärke in den nötigen Augenblicken nicht missen lässt.

Madleine Haipt als Tochter Johanna ist jede Sekunde ein Genuss für Augen und Ohren. Sie singt sich mit lupenreinem Sopran durch die Rolle der eingesperrten Zieh-Tochter und verliebten jungen Frau.

Eine anfangs eher im komischen Fach angelegte Rolle spielt Sascha Nikolic als Pirelli. Anfang den typisch aufreißerischen italienischen Hochstapler mimend entpuppt er sich als ehemaligen Handlanger Barkers, der Todd als diesen sofort wiedererkannt hat. Er spielt die komische Seite der Rolle hervorragend aus und kann auch stimmlich punkten.

Denis M. Rudisch ist in der Rolle des Tobi zu sehen, dem Assistenten Pirellis. Er spielt die Rolle des armen, etwas naiven und gutmütigen Jungen mit großer Präsenz und eindrucksvoller Stimme.

Auch die wenigen Auftritte von Sabine Schwarzlose als arme alte Bettlerin würzen den Abend mit Witz. Dass es sich hierbei um Lucy, der totgeglaubten Frau von Todd, handelt, wird leider zu spät klar.

Im großartigen Ensemble sind zu sehen: Florian Claus, Julia Dietsch, Mathias Förster, Oliver Heim, Robert Meyer, Maria Mucha, Denis Rudisch, Caroline Ruthig, Marc Schlapp und Wiebke Wötzel.

Das Orchester unter der Leitung von Jürgen Voigt spielt sich problemlos durch die sehr anspruchsvolle Partitur Sondheims. Dass dieses Musical für alle eine Herausforderung ist, die aber Spaß macht und gerne angenommen wird, ist aus jedem Ton sowohl vom Orchester als auch von der Bühne hörbar. Das Bühnenbild ist einfach gehalten aber funktionell, die Kostüme der Zeit angepasst, jedoch mit dem einen oder anderen modernen Accessoire aufgepeppt (beides Steven Koop).

Unter der Regie von Udo Schürmer hat sich Ettlingen es als erste Freilichtbühne an dieses etwas andere Musical gewagt – und gewonnen. Die Inszenierung funktioniert absolut, reißt das Publikum mit und verspricht Gänsehaut-Feeling für jeden, egal ob Horror-Fan oder Romantiker.

„Sweeney Todd“ bei den Schlossfestspielen Ettlingen zu sehen bis 17. August 2013.

Informationen und Tickets unter www.ettlingen.de

Bericht: Sabine Böhm

Fotos: Schlossfestspiele Ettlingen

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)