Das andalusische Mirakel

„Das andalusische Mirakel“ sorgt für Irrungen und Wirrungen in der Komödie im Marquardt Stuttgart

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Wenn man schon eine Autopanne im tiefsten Andalusien hat und dann noch in einem Hotel unterkommt, in dem sich die Schaben gute Nacht sagen, ist das Chaos perfekt! Genau das denkt sich auch Fabrikant Hubertus Heppelmann (Michael Hiller), der außerdem noch mitten in der Scheidung von seiner Frau Edelgard (Stephanie Theiß) steckt. Doch nicht genug damit, Heppelmanns Laune sinkt gerade zu auf den Nullpunkt, als er sich noch das kleine Zimmer mit der überdrehten 21jährigen Nelli (Kim Zarah Langner) teilen soll, da es in dem kleinen Städtchen anscheinend kein weiteren freies Hotelzimmer mehr gibt! Zwei Charaktere, die nicht unterschiedlicher sein könnten, treffen nun aufeinander und lernen, auf eigentümlichem Wege, miteinander klarzukommen…

 

Das Fünf-Personen-Stück „Das andalusische Mirakel“ von Lars Albaum und Dietmar Jacobs zeigt eindrucksvoll und humoristisch, wie sehr manche Menschen doch in ihrer eigenen Denkweise gefangen sind und wie schwer es ist, diese zu revidieren. Nun mag das äußerst ernsthaft klingen, doch was noch bis zum 13. November in der Komödie im Marquardt den Zuschauern geboten wird, ist alles andere als ernste Kost! Albaum und Jacobs gelang mit ihrem Stück ein Geniestreich des Humors. Auch Situationskomik und Slapstick kommen nicht zu kurz. Und dabei wirkt das Gespielte nicht grotesk, sondern zeigt auf bewundernswerte Art und Weise, wie flexibel doch auch die Schauspieler sein müssen und wie wandelbar sie die Charaktere darstellen können.

 

So wird der Fabrikant Heppelmann zu Beginn der Handlung als verbiesterter Perfektionist, der zum Lachen in den Keller geht, präsentiert. Nelli hingegen als oberflächliches junges Mädchen, welches mit ihrem Stofftier spricht, das sie von ihrer großen Liebe Benny (Gideon Rapp), den sie erst seit 5 Monaten kennt, geschenkt bekam. Dass ausgerechnet zwei so unterschiedliche Menschen in einem Zimmer dazu verdammt sind, ihr Dasein zu fristen, jedenfalls bis das Auto Heppelmanns wieder repariert ist, könnte die Hölle auf Erden bedeuten. Und diese wird sich auch den beiden Hauptprotagonisten erst einmal offenbaren, denn der Zimmerkellner Juan (Luigi Scarano) erzählt den beiden vom „Wunder des San Miguel“. Der heilige San Miguel sorgte vor 100 Jahren dafür, dass ein Schwein muhte, als das Bild des Heiligen von der Wand sowie der Strom ausfiel. Diese Geschichte sorgt bei Heppelmann natürlich nur für ein müdes Lächeln, doch als Nelli, durch einen Handstand, das Bild des heiligen San Miguel, welches im Hotelzimmer hängt, von der Wand befördert und dann auch noch der Strom ausfällt, kann man sich als Zuschauer beinahe schon denken, was geschehen wird. In klassischer Manier eines Hollywoodfilmes, tauschen die beiden die Körper und ab sofort steckt die lebensfrohe Nelli in Heppelmanns Körper, den sie als unförmig und alt bezeichnet. Und Heppelmann muss nun in Nellis Frauenkörper sein Dasein fristen. Urkomisch ist nun zu beobachten, wie sehr sich doch die Darsteller nach diesem Körpertausch auf die jeweils andere Rolle einstellen: So wird Heppelmann zum klassischen Mädchen, stylt sein weniges Haar um, zieht sich ein enges „Prinzessin“ Shirt über und bewegt sich ab sofort sehr weiblich. Auch seine Sprechweise mutiert vom direkten, übellaunigen Fabrikanten zum kindlichen Jargon. Nellis ganze Haltung verändert sich ebenso, die sonst leicht bekleidete Animateurin zieht sich eine braune Weste und Gesundheitsschuhe, inklusive beigen Kniestrümpfen über. Ihr Haar erhält einen akkuraten Scheitel und sie geht männlich und nach vorne gebeugt. Auch ihre Sprechweise mutiert zum tiefen und harten Ton – nichts ist mehr übrig von dem quietschenden Mädchen, das der Zuschauer zu Beginn des Stückes kennenlernte.

 

Dieser Körpertausch ist natürlich keine neue Idee des Genres, doch die Umsetzung ist durch die hervorragende Leistung der beiden Protagonisten eine wahre Freude. Michael Hiller und Kim Zarah Langner stecken mit ihrer Spielfreude das Publikum an und sorgen für viele Lacher und Zwischenapplaus. Und auch als dann noch Benny sowie Edelgard auftauchen und das Chaos seinen Lauf nimmt, verliert das Stück nicht an Niveau. Bis zum Ende werden die Zuschauer an die Handlung und das Geschehen gefesselt und auch aktiv integriert. So wird zu Beginn des ersten Aktes das Stück plötzlich unterbrochen, das Saallicht geht an und Michael Hiller spricht direkt zu den Zuschauern. So sollen diese das spanische Volk darstellen, das stets, wenn das kleine Fenster, welches sich links auf der Bühne befindet, geöffnet wird, für eine Geräuschkulisse sorgen soll. Die ersten 6 Reihen stellen zirpende Grillen dar, drei Zuschauer erhalten Kastagnetten, die rhythmisch erklingen und ab Reihe 7 soll ein lautes „Olé“ ertönen. Dazu wird ein männlicher Gast noch zu „Antonio“, dem Automechaniker, der immer bei Nachfrage ein und denselben Satz zu sagen hat. Diese Integration des Publikums sorgt dafür, dass jeder sich noch viel stärker mit dem Gesehenen identifizieren kann. Man lebt das Stück und ist Teil davon. So etwas findet man sehr selten in den sonst sehr abstrakt gehaltenen Theaterstücken.

 

Dass natürlich ein gewisses chaotisches Element nicht fehlen darf, welches evtl. manch einem Zuschauer zu viel wird, ist unvermeidbar. Doch Manfred Langners Inszenierung schafft es, nicht ins Extreme abzudriften, sondern die perfekte Mischung zwischen Humor und dennoch ernsthaften Elementen, wie beispielsweise die Bewältigung der Ehekrise der Heppelmanns, zu vereinen. Barbara Kotts Bühnenbild ist ebenso perfekt auf das Stück abgestimmt. So wird auf der Bühne das Hotelzimmer zum Ort des Geschehens. Durch die passende Lichtauswahl hat man als Zuschauer das Gefühl, sich tatsächlich im heißen Andalusien zu befinden. Auch die Special Effects, wie das kippende Spülbecken im Bad, aus dem Wasser kommt oder der Stromausfall, der dann durch Funken symbolisiert wird, sorgen für die richtige Atmosphäre. Auch während des Körpertauschs wird das Licht verändert. So erstrahlt die Bühne in einem zarten Pink und erst, wenn Heppelmann und Nelli wieder im Besitz ihres eigenen Körpers sind, wird auch das Licht wieder verändert.

Diese Feinheiten sind sehr wichtig und zeigen, wie sehr sich das Team mit dem Stück auseinandersetzte. Der nicht enden wollende Applaus demonstrierte außerdem, wie sehr den Zuschauern das Stück gefallen hat und wie stark sie die Leistung aller Protagonisten honorieren!

 

Lassen Sie sich also „Das andalusische Mirakel“ nicht entgehen und besuchen Sie noch eine der Vorstellungen im November!

 

Weitere Infos unter:

 

www.schauspielbuehnen.de

 

Bericht: Franziska Maier

Fotos: Jürgen Frahm

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)