Nochn Gedicht

„Noch´n Gedicht“ – Die tierisch satirische Heinz-Erhardt-Revue – von Thorsten Hamer

Wie besonders doch eine Brille sein kann…vor allem, wenn man sich dadurch in einen völlig anderen Menschen verwandelt! Für Schauspieler Thorsten Hamer ist die Brille ein unverzichtbares Requisit in seiner „Heinz Erhardt Revue“, denn kaum ziert die schwarz umrandete Hornbrille Hamers Gesicht, verändert sich auch seine gesamte Körperhaltung. Mimik und Gestik werden von einer Sekunde zur anderen verändert und zwar in die des legendären Komikers Heinz Erhardt. Seit 2006 tourt Hamer mit dem abendfüllenden Programm „Noch´n Gedicht“ durch Deutschland und der Erfolg ließ auch noch einen weiteren Heinz Erhardt Abend entstehen, nämlich die Show „Was bin ich wieder für ein Schelm“.

Heinz Erhardts Werke sind unvergessen und faszinieren noch heutzutage die Generationen, die den „Mann mit der Brille“ gar nicht mehr zu seinen Lebzeiten mitbekommen haben. Doch wer war Heinz Erhardt eigentlich wirklich?

Der Komiker Heinz Erhardt war ein wahres Phänomen. Er schaffte es durch Wortwitz, Parodien auf berühmte Werke der Dichtkunst sowie mit seinem humorvollen Wesen, die Menschen zu fesseln. Erhardt ist einer der begabtesten Humoristen des Jahrhunderts, dabei wollte er eigentlich einmal einen völlig anderen Weg einschlagen und das zu einer Zeit, in der es den etwas dicklichen „Schelm“ noch gar nicht gab. Heinz Erhardt wollte einst ein ernstzunehmender Musiker und Komponist werden. Der 1909 in Riga geborene Künstler wuchs dreisprachig auf – so war er Deutscher und zugleich Lette. Was die Familienverhältnisse von Heinz Erhardt anging, so behauptete er einmal, dass er der Mensch mit den meisten Eltern sei – dies kam daher, dass seine Eltern jeweils dreimal verheiratet waren und er viele Stiefmütter/väter sein Eigen nennen konnte. „Man reichte mich ständig herum und manchmal reichte es mir!“, dieses Zitat Erhardt zeigt, dass der kleine Heinz eigentlich keine schöne Kindheit und Jugend erleben durfte. So wuchs er vorwiegend bei seinen Großeltern auf und verließ die Schule, nachdem er durch das Abitur fiel. Die Musik faszinierte ihn immer und so nahm er heimlich am Konservatorium Klavier-und Kompositionsunterricht. In seinen künstlerischen Anfangsjahren komponierte er den Titel „Fräulein Mabel“, der natürlich auch in der Heinz Erhardt Revue von Thorsten Hamer nicht fehlen darf. Bald galt Erhardt als Sprach-Artist, Schnellsprecher und Musikclown – viele Auftritte folgen und die 50er und 60er Jahren werden zu seinen erfolgreichsten. So lässt Erhardt keine Chance aus, um aufzutreten und Geld zu verdienen. Dabei kennt er keine Tabus und dreht Film um Film, sei er auch noch so einfältig und einfach gestrickt. Selbstverständlich gab es darunter auch Erfolgsfilme, wie „Witwer mit 5 Töchter“, „immer die Radfahrer“ oder „Drillinge an Bord“, in dem Erhardt gleich dreimal zu sehen war und sein schauspielerisches Talent voll ausschöpfen konnte. In den 70ern hingegen wurde das Niveau seiner Filme immer schlechter, die „Willi“ Filme galten eher als „Klamotten“ und weitere Klamauk Produktionen folgten. Dass Heinz Erhardt nie auf seine Gesundheit Acht gab und dabei auch dem Alkohol nicht abgeneigt war, gipfelte letztendlich darin, dass der unermüdliche Workaholic 1971 einen schweren Schlaganfall bekam, von dem er sich nie wieder richtig erholte. Er konnte sich nur noch schwer bewegen und das Schlimmste: Sein Sprachzentrum war stark beeinträchtigt. Der Mann, der stets mit seinen Worten die Menschen unterhielt, konnte nicht mehr sprechen!

Am 05. Juni 1979 starb Heinz Erhardt, nach Jahren voller Depressionen und mit dem Gefühl, sein Ziel, einmal als Dichter und Komponist anerkannt zu werden, nicht erreicht zu haben! Ein tragisches Ende für einen so begabten Mann wie ihn! Doch würde er heutzutage miterleben, wie die Menschen Thorsten Hamer feiern, der eine rund 2stündige Revue aus seinen Werken zusammengestellt hat, dann hätte er die Bestätigung, dass er ein wahrlich anerkannter Dichter war!

„Noch´n Gedicht“ umfasst viele wichtige Werke Erhardts, so werden unzählige seiner Gedichte rezitiert und Szenen aus seinen Filmen gespielt. Man könnte nun meinen, dass dies sehr eintönig und langweilig wäre – da stellt sich ein Mann hin und trägt Gedichte vor. Nun, die Art und Weise WIE er das macht, ist dabei entscheidend. Hamer hat ein sehr großes Talent und genau dieses macht den Abend zu einem Selbstläufer: Sobald der Künstler die besagte Brille aufzieht, meint man, einen Zeitsprung vollführt zu haben und Heinz Erhardt stehe nun persönlich vor einem auf der Bühne. Die Art und Weise wie Thorsten Hamer spricht, sich bewegt, tanzt, all das hat man schon einmal gesehen – nämlich bei seinem Vorbild Heinz Erhardt. Es ist beinahe gespenstisch zu sehen, wie sehr sich ein Mensch in die Rolle eines anderen versetzen kann. Der Verstorbene wird im wahrsten Sinne des Wortes wieder zum Leben erweckt und ist in der Lage, noch einmal das Publikum zu unterhalten.

Ob „Die Made“, „Das Gewitter“, „König Erl“, „Chor der Müllabfuhr“, die „Ritter Fips“ Dichtkunst, die sozusagen als wiederkehrender roter Faden immer wieder den Fortlauf des Programmes bewusst unterbricht und dabei stets fortgesetzt wird – kaum ein bekanntes Werk Erhardts fehlt an diesem Abend. Dabei leistet Hamer Großes – er mutiert ebenso zum Schnellsprecher und Wortakrobaten – wie einst Erhardt schafft er es, die Zuschauer binnen kürzester Zeit zu fesseln und dabei benötigt er gar nicht viel. Am Klavier begleitet ihn Daniel Große Boymann – der Musicaldarsteller und Pianist interagiert mit Hamer bei einigen Szenen und sorgt als Kontrast zum etwas „einfältigen Erhardt“ für weiteren Humor. Christine Richter unterstützt die beiden Herren schauspielerisch und gesanglich.

Dass Heinz Erhardt auch ein Spiegel der damaligen Zeit war, wird jedoch schnell klar, wenn man zwischen den Zeilen liest. So gehen seine Witze oftmals gegen Frauen, speziell das Motiv der „Jungfrau“ greift er häufig auf, auch die unehelichen Kinder und somit Zeitkritik, kommt nicht zu kurz: „Zeigst du mir dein Muttermal, dann zeig ich dir dein Vatermal“.

Thorsten Hamers Inszenierung des Abends kommt ohne große Showeffekte aus – er allein dominiert die Bühne und begeistert durch sein Können. Bodo Walleraths Bühnenbild zeigt den echten Heinz Erhardt überlebensgroß im Hintergrund auf einer Leinwand, die man verschieben kann und welche dann die Sicht auf ein Rednerpult freigibt, an dem Hamer die „Ritter Fips“ Gedichte zum Besten gibt. Rechts das Klavier, links zwei Stühle sowie ein Tisch – mehr braucht es nicht, um zu unterhalten und einen der größten Entertainer Deutschlands wiederauferstehen zu lassen.

Der Abend treibt den Zuschauern Tränen in die Augen und das in vielerlei Hinsicht: Man lacht Tränen über den grandiosen Humor und Wortwitz Heinz Erhardts. Man lacht Tränen über Thorsten Hamers Darstellung desselbigen. Und man bekommt Tränen in die Augen aufgrund der Tatsache, dass ein so begabter Mann nicht mehr unter uns weilt und so tragisch seine letzten Lebensjahre bestreiten musste. Tränen der Freude, des Glücks, der Trauer und der Nachdenklichkeit. Die Vergänglichkeit wird einem bewusst, wenn man bedenkt, dass Heinz Erhardt seit vielen Jahren nicht mehr lebt und sein Lebenswerk dennoch weiterlebt. Er konnte diesen Ruhm nicht mehr miterleben und zweifelte stets an sich. Doch die Worte Erhardts geben bis heute Anlass zum Nachdenken:

„Seit frühester Kindheit, wo man froh lacht, verfolgt mich dieser Ausspruch magisch: Man nehme ernst nur das, was froh macht, das Ernste aber niemals tragisch!“

Bericht: Franziska Maier

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)