Ein Gärtner kommt

„Ein Gärtner kommt“…Komödie von Alan Ayckbourn

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Manchmal kann eine kleine Entscheidung ein ganzes Leben verändern!

Kennen Sie das auch: Sie befinden sich in einer verzwickten Lage und wissen einfach nicht, wie Sie sich entscheiden sollen?! Doch dann wagen Sie den Schritt und treffen eben diese folgenschwere Entscheidung – ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie diese Ihr Leben in Zukunft verändern könnte. Oder Sie zögern und schaffen es nicht, eine Entscheidung zu treffen?! Egal, wie Sie sich entscheiden – jeder Weg hat neue Konsequenzen. Und genau um diese Erkenntnis  werden auch die Hauptprotagonisten des Stückes „Ein Gärtner kommt“, das aktuell noch in der Stuttgarter Komödie im Marquardt zu sehen ist, reicher.

Im Mittelpunkt stehen Celia Teasdale (Stefanie Stroebele) sowie ihr Mann, der Internatsschuldirektor Toby (Axel Weidemann), der trotz seiner angesehenen Arbeit ein schwerwiegendes Alkoholproblem hat, wie unschwer an den vielen leeren Schnapsflaschen zu erkennen ist, die die Bühne zieren. Toby ist der geborene Pessimist, der das Leben als „lange, verlorene Schlacht“ ansieht und dabei auch mit seiner Einstellung seine Frau an die Grenze des Wahnsinns treibt. Dass Celia kaum Ablenkung in ihrem tristen Alltag hat, ist schnell zu sehen, dabei geht ihr sogar noch die junge Sylvie (ebenfalls Stefanie Stroebele) im Haushalt zur Hand. Normalerweise würde jeder behaupten, Celias Leben sei sorgenfrei, doch dem ist ganz und gar nicht so. Erst als der Gärtner Lionel Hepplewick (nochmals Axel Weidemann) auftaucht, erhält Celias Leben eine Wendung. Lionel interessiert sich für sie, schenkt ihr die Aufmerksamkeit, die ihr von Toby verwehrt bleibt und gibt ihr wieder neue Hoffnung – nämlich die Hoffnung auf ein neues Leben und eine andere Zukunft, die aufregend und voller Abenteuer scheint. Wäre da nicht diese verhängnisvolle Entscheidung zu treffen…

Eigentlich ist diese Entscheidung gar nicht von Seiten der Hauptcharaktere des Stückes zu treffen, sondern direkt vom Publikum. So wird das Stück während des ersten Aktes immer wieder unterbrochen und auch wenn zu Beginn noch die Schauspieler selbst die Entscheidungen des Handlungsverlaufs treffen, so wird spätestens vor der Pause von den Zuschauern eine große Entscheidung verlangt: Soll Celia es wagen und ein neues Leben mit Gärtner Lionel beginnen oder soll sie Toby noch eine Chance geben und mit ihm in den Urlaub fahren? Jede Entscheidung birgt neue Handlungsstränge für die Figuren und das Schicksal der Herrschaften wird ab sofort neu bestimmt. In der Vorstellung, die MuT besuchte, entschied ein Geburtstagskind des Abends, da die Entscheidung des Publikums nicht klar identifizierbar war und ein Gleichstand der Ergebnisse herrschte! So wurde entschieden, dass Celia ihrem Mann noch eine Chance gibt und prompt begann der 2. Akt auf einer großen Terrasse und im gemeinsamen Urlaub des Ehepaars. Dass hier natürlich nicht alles harmonisch verläuft, zu allem Unglück auch noch Lionel auftaucht und es sogar zwei unterschiedliche Endungen des Stückes gibt, sei an dieser Stelle verraten.

Alan Ayckbourn, der 1939 in London geboren wurde, gilt heutzutage als „Großbritanniens größter Gegenwartsdramatiker“. Einst selbst auf der Bühne als Schauspieler, wurde er später mehrfach für seine zahlreichen Stücke ausgezeichnet. Dabei ist die oftmals die Grenze zwischen Komik und Dramatik nicht recht erkennbar. Auch bei „Ein Gärtner kommt“ herrscht eine Gratwanderung, die das Publikum teilweise nicht erkennen lässt, ob das Gesagte nun humoristisch oder eher tragisch zu deuten ist. Die Ehekrise der beiden Hauptprotagonisten ist keinesfalls komisch zu sehen, auch die Demütigungen, die sich Celia von Toby anhören muss, sind zwar auf den ersten Blick lustig, doch auch hier lässt sich, bei genauerer Betrachtung, die traurige Situation der beiden ableiten. Das Ehepaar befindet sich in einer ernsten Krise, jeder flüchtet sich in eine andere Welt – Toby in die des Alkohols, Celia erträumt sich eine Zukunft mit Gärtner Lionel und ist dabei manchmal über ihre eigene Courage erschrocken, was dazu führt, dass sie alle Gedanken schnell wieder verwirft und an ihrem herkömmlichen Leben, mag es auch noch so trist sein, festhält.

Ina Annett Keppels Inszenierung schafft es, die Geschichte des Ehepaares einfühlsam und dennoch mit trockenem Humor, der oftmals auch in Ironie abrutscht, zu präsentieren.  Dramaturgin Martina Kullmann zeigt ebenso auf, wie die Handlung, die anfangs etwas schleppend vorankommt, durch die spannende Unterbrechung am Ende des 1. Aktes, anzieht. Durch das Integrieren des Publikums erhält das Stück eine gewisse Brisanz – man wird selbst zum Rad des Schicksals, was Celia, Toby und Lionel angeht und ab diesem Zeitpunkt sieht man auch das Stück mit anderen Augen. Man ist nicht nur stiller Beobachter, sondern nimmt aktiv am Leben der anderen teil, ja man hat deren Verlauf sogar selbst festgelegt.

Dass Stefanie Strobele und Axel Weidemann hier beweisen, welch begnadete Schauspieler sie sind, zeigt schon alleine die Tatsache, dass sie ad hoc von einer Minute zur nächsten in eine andere Rolle schlüpfen und diese auch absolut glaubwürdig verkörpern können. Es ist eine wahre Freude zu sehen, wie Axel Weidemann vom etwas einfältigen Gärtner zum griesgrämigen Schuldirektor wird und am Ende noch als Freund eben diesen mit Bart und Stoppelfrisur auftritt. Stefanie Stroebele wirkt manchmal zu hysterisch als „Celia“ doch die Rolle schreibt dieses Extremverhalten vor und derartige Gefühlsschwankungen auf der Bühne glaubwürdig zu verkörpern, verlangt großes Talent und Können. Auch als blondgelockte Sylvie überzeugt sie allemal. In unserer Fassung konnten wir sie leider nicht in ihrer dritten Rolle als „Irene Pridworthy“ sehen, doch ich gehe davon aus, dass auch diese Rolle mit Bravour von ihr gemeistert wird.

Für die Ausstattung des Stückes ist Isabel Graf zuständig. So wurde das Bühnenbild sowie die Requisiten passend zu den jeweiligen Szenen gewählt. Zu Beginn des Stückes baut sich ein kleiner Garten, inkl. Schuppen vor den Augen der Zuschauer auf. Im 2. Akt das Szenario einer  Hotelterrasse. Durch kleine Effekte werden die Bühnenbilder glaubwürdig verstärkt, es wehen Fahnen im Wind oder Motorgeräusche simulieren Lionels Rasenmäher.

Für Freunde anspruchsvollen Theaters ist dieses Stück genau richtig. Es ist eben nicht nur eine Komödie, sondern durchaus ein ernsthaftes Beziehungsdrama, das sich abzeichnet. Die komischen Elemente überwiegen zwar, doch der bittere Beigeschmack zeigt sich stets. Dass sich die ungebundenen Frauen im Publikum mehr amüsiert haben als die verheirateten, ließ sich deutlich erkennen…evtl. kennt jeder solche Szenen einer Ehe. Das hervorragende Schauspiel der beiden Hauptdarsteller macht „Ein Gärtner kommt“ zu einem wahren Theatergenuss!

Bericht: Franziska Maier

Fotos: Schauspielbühnen Stuttgart

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)