Der Vorname

„Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière

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Sie heißen Emma, Hanna, Lea, Leon, Ben oder Lukas – die Kinder, die seit dem Jahr 2010 das Licht der Welt erblickten, tragen mit großer Wahrscheinlichkeit einen dieser Namen, denn sie gelten als große Favoriten bei der Namensgebung. Wären die Kinder allerdings vor 100Jahren zur Welt gekommen, hätten sie wohl eher Gertrud, Frieda, Erna, Karl, Hans oder Wilhelm geheißen. Die Trends bei der Namensgebung variierten im Verlauf der Jahrzehnte und häufig lässt sich anhand eines Vornamens erkennen, welcher Geburtsjahrgang dahinter steckt!

Doch wie lassen sich solche Trends deuten und welche Faktoren bestimmten diese? Manche Eltern geben ihren Kindern Namen aktueller Lieder aus ihrer Zeit, so gibt es wohl kaum ein Mädchen aus dem Jahr 1972, das nicht durch Bata Illics Lied „Michaela“ eben diesen Vornamen erhalten hat. Auch Costa Cordalis´“Anita“ im Jahr 1976 ist ein gutes Beispiel dafür, dass Musiktitel maßgeblich an der Beeinflussung der Namensgebung beteiligt sind. Doch auch große Persönlichkeiten der Geschichte, Serienfiguren, Filmhelden oder Schauspieler gelten als Vorbilder. Allerdings machen sich die Eltern anscheinend oft nicht allzu große Gedanken darüber, wie ihr Kind später einmal mit solch einem Namen leben muss…auch Namensschöpfungen, die besonders innovativ sind, stehen immer höher im Kurs, dabei lautet die Definition des „Vornamens“, laut Wikipedia: „Der Vorname einer Person ist der Teil des Namens, der nicht die Zugehörigkeit zu einer Familie ausdrückt, sondern diese Person innerhalb der Familie identifiziert. Die Vornamen eines Menschen werden nach seiner Geburt von seinen Eltern bestimmt…“

Oftmals ufern die Diskussionen um die richtige Namensgebung im Vorfeld der Geburt eines Kindes aus und genau da setzt die Komödie „Der Vorname“ der beiden französischen Autoren Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, die zur Zeit in der Stuttgarter Komödie im Marquardt gespielt wird, an.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Ehepaar Garaud – bzw. Pierre Garaud (Jens Hajek) sowie seine Gattin Elisabeth Garaud-Larchet (Stefanie Stroebele). Der Literaturprofessor und die Französischlehrerin laden zum Diner mit Freunden und Familie ein. Als Eltern zweier Kinder, die Athena und Adonas getauft wurden, bleibt ihnen neben Beruf und Familie nicht viel Zeit, um aktiv am Leben teilzunehmen. So kennen sich die beiden von Kindesbeinen an und obwohl Elisabeth einst nach Größerem strebte, bleibt ihr heutzutage „nur“ noch die Rolle der kochenden, putzenden und äußerst demütigen Hausfrau, während ihr Mann Pierre gerne den Macho nach außen kehrt und alles seiner Frau überlässt. So auch am Abend des Diners. Seit Stunden steht Elisabeth schon in der Küche, um allerlei exotische Speisen zuzubereiten, während Pierre nur akribisch den Kellerschlüssel sucht. Als erster Gast trifft Elisabeths Busenfreund Claude (Armin Jung) ein. Der Musiker, adrett in Frack gekleidet, ist die Ruhe selbst – Sternzeichen und Aszendent Waage. Auch er hilft Pierre bei der Suche nach dem Kellerschlüssel, als  Belohnung sei ihm der ewig währende Dank Pierres in Aussicht gestellt. Während dieser Suchaktion steht schon der nächste Gast vor der Türe: Elisabeths Bruder Vincent (Markus Angenvorth). Vincent ist Pierres Jugendfreund und das absolute Gegenteil von diesem. Als Lebemann versteht er es, die Menschen in seinen Bann zu ziehen und nun fiebert er einem besonderen Ereignis entgegen: Der Geburt seines ersten Kindes – einem Jungen, den er zusammen mit seiner Freundin Anna Carvati (Stephanie von Borcke) erwartet. Doch wie soll das Kind nun heißen? Vincents Namensvorschlag erschüttert alle: Adolphe! Die Ähnlichkeit zum deutschen „Adolf“, der direkt mit Hitler assoziiert wird, ist unvermeidbar. Daher gerät der doch einst so gemütlich angedachte Abend aus den Fugen und die Herren verstricken sich in ein Streitgespräch über die Bedeutung dieses sowie weiterer Vornamen, während Elisabeth einen Gang nach dem anderen auftischt, allerdings scheint nur sie daran Gefallen zu finden. Als dann auch noch Anna zu der illustren Runde stößt und verlauten lässt, dass die Wahl des Vornamens bewusst so ausfiel, da er einem bedeutenden Namenspatron gehöre, kippt Pierre um.

Was Pierre allerdings nicht weiß, Vincent wollte seinen alten Jugendfreund nur gewaltig auf´s Glatteis führen – der Knabe soll eigentlich „Henri“, nach dem verstorbenen Vater von Elisabeth und Vincent genannt werden. Nachdem nun dieses „Missverständnis“ geklärt wurde, könnte alles wieder in Ordnung sein, wäre da nicht Claude, der immer stärker in den Mittelpunkt des Geschehens rückt…Claude werde von allen nur „Das Pfläumchen“ genannt, er sei bestimmt schwul, da er mit 38 Jahren noch nie eine Freundin hatte. „Adolphe“ ist vergessen, doch Claude gerät immer mehr in Erklärungsnot und beharrt darauf, eine langjährige Freundin zu haben, die er sehr liebe. Als der Verdacht erst auf Anna fällt, platzt die Bombe: Claude ist mit Elisabeths und Vincents Mutter Francoise, der 26 Jahre älteren Witwe zusammen! Das Schicksal nimmt seinen Lauf und der Abend scheint in einem Fiasko zu enden!

Manfred Langners Inszenierung zeigt perfekt die Abgründe des menschlichen Daseins und das auf humorvolle Art und Weise. Warum kann ein Mensch sich nicht mit einer Tatsache zufrieden geben und muss stets solange nachhaken, bis Dinge ans Tageslicht kommen, die wahrlich unangenehm sind?! Der Mensch ist eben ein unergründliches Wesen und die Entwicklung der einzelnen Bühnencharaktere zeigt eben diese Tatsache sehr deutlich. So werden aus Freunden teilweise Feinde, aus biederen Hausfrauen Furien und aus ruhigen Zeitgenossen interessante Persönlichkeiten, frei nach dem Motto: Stille Wasser sind tief!

Barbara Krotts Ausstattung und Bühnenbild passt perfekt zur Handlung. So wird den Zuschauern Elisabeths und Pierres Wohnzimmer präsentiert, eine hell erleuchtete Atmosphäre, die Gemütlichkeit ausstrahlt und das so harmonische Familienleben wiederspiegelt, das die beiden in der Öffentlichkeit leben. Allerdings lässt sich die Beleuchtung der großen Fensterfront auch verändern und so zeigt auch diese oftmals den Seelenzustand der Hauptprotagonisten, von klarem Blau bis hin zu warmem Violett.

Das gesamte Stück wird von den fünf Darstellern getragen, so erklingt zu Beginn der Komödie eine Stimme aus dem „Off“, die sich später als „Vincent“ entpuppt, der das Eheleben seiner Schwester und seines Schwagers passend charakterisiert. Dieses Stilmittel wird auch am Ende des 2. Aktes erneut aufgegriffen, wenn Vincent die Schlussworte spricht – diesmal allerdings auf der Bühne stehend und ans Publikum gerichtet. So bildet dies einen perfekten Rahmen zu den weiteren Geschehnissen des Abends.

Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Stefanie Stroebele ist den Zuschauern der Komödie im Marquardt längst keine Unbekannte mehr, so wirkte sie schon in einigen Stücken mit, ob auf oder hinter der Bühne. Ihre Verkörperung der gestressten und frustrierten „Elisabeth“ ist eine wahre Freude – so beherrscht Stroebele die verschiedenen Facetten dieses Charakters einwandfrei und zeigt die Entwicklung im Verlauf des Abends eindrucksvoll.

Jens Hajek dürfte vielen aus zahlreichen TV Produktionen bekannt sein, so spielte er in „SOKO Köln“, „Lena – Liebe meines Lebens“, „Verbotene Liebe“ oder auch „Unter uns“ mit, um nur ein paar Sendungen zu nennen. Als „Pierre“ versteht er es, die Provokationen von „Vincent“ als persönlichen Angriff zu nehmen und auch seine verschiedenen Gesichter zu offenbaren. Als herauskommt, dass eigentlich er den Hund von Vincents Tante auf dem Gewissen hatte und Vincent alles auf sich nahm, um Pierre zu schützen, zeigt er, wie unsicher er eigentlich ist. Der ursprüngliche Macho gesteht, dass er wenigstens auf diesen „Mord“ bestehe und dass Vincent nicht immer der sein solle, der die Lorbeeren abbekommt.

Armin Jung als „Claude“ ist ebenso eine perfekte Besetzung – der schüchterne Musiker, der kein Wässerchen trüben kann und der letztendlich schon jahrelang eine Affäre mit Francoise hat, wird köstlich von Jung interpretiert. Allgemein beherrscht er die eher skurrilen Charaktere, so war er auch schon in „Doppelt g´moppelt“ oder „Koi Leich ohne d´Lilly“ in der Komödie im Marquardt zu sehen und brachte durch sein Schauspiel viele zum Lachen.

Markus Angenvorth zeigt als „Vincent“ den Typus des Lebemanns, der sich seiner Ausstrahlung bewusst ist und dabei auch manchmal über das Ziel herausschießt. Angenvorth beherrscht ein breites Spektrum der Schauspielkunst, so war er in der Titelrolle des „Jedermann“, „Hamlet“, „Elling“ oder in „Misery“ zu sehen. Wenn Markus Angenvorth in „Der Vorname“ vom Aufschneider zum nachdenklichen „Verlierer des Abends“ mutiert, ist das sicher für viele Zuschauer eine Genugtuung.

Als „Anna“, Vincents Frau, steht Stephanie von Borcke auf der Bühne. Die blonde Schauspielerin ist die passende Besetzung für diese Rolle – mit künstlichem 5-Monatsbauch und in engem roten Kleid zeigt sie die Mixtur zwischen Karrierefrau und werdender Mutter. Von Borcke wurde u.a. schon mit dem „Förderpreis für die beste Darstellerin unter 30“ ausgezeichnet und spielte in vielen Bühnenproduktionen mit.

Wer das Stück „Der Vorname“ verlässt, wird sich bestimmt noch eine Weile mit seinem eigenen Vornamen auseinandersetzen und über die im Programmheft abgedruckten Vornamen, die nicht erlaubt wurden, amüsieren. So gehören „Störenfried“, „Satan“, „Joghurt“ oder „Seerose“ zu den No-Go´s der erlaubten Vornamen. Da scheint „Adolphe“ noch richtig harmlos dagegen – meinen Sie nicht?!

Weitere Infos erhalten Sie unter: www.schauspielbuehnen.de

Fotos: Schauspielbühnen Stuttgart

 

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der “bdfj” Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V.

> Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

> Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung…)