David Garrett live in Wien

David Garrett in Wien

 suutv899

Langsam rollen wir zur Startbahn, stehen noch einen Moment in Warteposition. Das Dröhnen der Motoren wird lauter, ohrenbetäubend. Jetzt beschleunigen wir. Das ist der Moment, in dem ich immer am meisten Angst habe – es drückt einen in den Sitz, wir verlieren den Boden unter den Rädern, oh je, jetzt kann man nicht mehr flüchten, wir steigen durch ein paar Wolken (die da hinten sieht aus wie eine Torte), gewinnen rasch an Höhe und lassen Wien hinter uns. Wien – und damit auch vier Tage voll gepackt mit Erlebnissen…

 

Von Treffen in Schlössern mit alten Bekannten über Kaffeetrinken mit neuen Freunden zu Stadtführung mit privatem Tourguide. Dann war da ein Klassik-Konzert, das mich völlig unerwartet doch nicht mehr ganz so unberührt zurückgelassen hat, wie noch vor ein paar Wochen mein erstes. Leider gab’s auch verpasste Gelegenheiten. Aber dann – ein Gig eines fantastischen Musikers und sympatischen Menschen, mit leider desinteressiertem Publikum in toller location – so edel, dass ich da unter ‚normalen Umständen’ als Frau niemals alleine rein gegangen wäre. Aber ‚Hühner’ sind ja bekanntlich überall. Es gab ein Musical mit Drew Sarich als Graf von Krolock, dessen unglaubliche Interpretation dieser Rolle alleine schon die Reise wert war (irgendwie sieht die Wolke da rechts genauso aus wie der Umhang des Grafen…) und dann war da noch ein Konzert. Eins, das der Grund dafür gewesen ist, nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr trotz bangem Gefühl beim Fliegen in ein Flugzeug zu steigen. Ein Konzert, das einfach unglaublich war, eine Stimmung, die überkochte und Begeisterung, die mit Händen zu greifen war…

 

Wir haben unsere Flughöhe erreicht und schweben durch die Wolken, von denen eine wirklich aussieht wie ein Hut. Ach ja, der unvermeidliche Hut… mir gefällt ER ja „oben ohne“ besser. Aber gestern hat es gefühlte 5 Minuten gedauert, bis ich gesehen habe, dass Er gar keinen auf hat….

 

David Garrett in Wien. Haargummis und die Magie der Musik.

 

Heiß war es am Dienstag in Wien, heiß und ziemlich stickig. Kreislaufwetter. Oh je, ich bin ja schon monatelang nicht wirklich fit und fühl mich den ganzen Tag leicht angematscht. Nicht NOCH ein Konzert, das ich deshalb nicht genießen kann… bitte nicht. Prophylaktisch gedopt mit Kreislauftropfen, Kopfschmerztabletten und dieses Mal vorsichtshalber auch mit Ohrstöpseln in der Tasche komme ich ziemlich spät bei der Stadthalle an und völlig unkontrolliert bis zu meinem Platz in Reihe 3. Boah. Das ist mal wirklich nah, die Bühne ist recht niedrig und die Treppe dort rauf direkt vor meiner Nase. Aber ansonsten ist’s erstmal zum Davonlaufen schlechte Luft (bzw. irgendwas anderes, denn Luft ist doch das Gemisch MIT Sauerstoff drin, oder?), sauheiß und ich krieg echt schon fast Panik, ob ich das trotz Sitzplatz aushalte… nun denn… es dauert zum Glück nicht mehr lang. Nachdem der Kreislauf dank der netten Mit-Konzertbesucher mit mittleren Plätzen auch ein bisschen in Schwung kommt (Aufstehen, Hinsetzen, Aufstehen, Hinsetzen…), bringe ich schonmal die Kamera in Position.

 

Kurz vor knapp – und direkt vor mir in Reihe 2 und 1 sind immer noch die Plätze frei. Wow – DAS wäre ja…. Aber nee, die kommen sicher noch. Die blonde Dame neben mir guckt auch schon vorsichtig erfreut und gemeinsam fixideren wir alle noch Ankommenden und grinsen erleichtert, wenn auch die wieder andere Sitze ansteuern. Vielleicht bleiben die vor uns ja doch leer? Und tatsächlich, die Musiker und die Bandmitglieder betreten die Bühne, das Licht geht aus – und es gibt freie Sicht nach vorne. Wahnsinn. Wahnsinn. Wahnsinn.

 

Es geht los. Jetzt merkt man genau, wer schon einmal ein Rock-Symphonies-Konzert erlebt hat – diejenigen verdrehen nämlich die Köpfe nach links und rechts hinten… noch ist kein David zu sehen. Aber jetzt… jetzt geht es los… man kann die ersten Geigenklänge hören… Lichtblitze… wo ist der denn nur?…. Spotlight rechts… ja, da muss er sein. Sehen kann ich noch nichts, er ist zu weit hinten. Klatschen, Kreischen, Rufen… alles steht auf… ich seh immer noch nix…. Oh Mann, ich LIEBE diesen Song – ‚Teen Spirit’, das gefällt mir von ihm besser als im Original … und jetzt… da… daaaaaa ist er… er geht durch den linken Gang, die Geige unters Kinn geklemmt und… oh mein GOTT, das gibt’s nicht… hat er? Kann nicht sein… das KANN nicht sein, wie sehr hab’ ich mir das gewünscht…. Er hat. Keinen Hut auf, aber ein Stirnband um. Vergessen ist alles „you should listen not look“, meine Fresse, sieht der GUT aus. Oh mein Gott… der Kreislauf ist auf 180. Wer braucht schon Sauerstoff? Atmen kann ich eh nicht mehr…  das ist der Hammer. Er haut den Bogen auf die Saiten, der Zopf ist relativ unordentlich (soll das so?), ein paar blonde Strähnen hängen ins Gesicht. Dem Getöse nach bin nicht nur ich innerhalb von Millisekunden komplett geflasht. „Guten Abend Wien – dankeschön“.

 

Ein paar Minuten zum Wiederfinden von Atmung und Kamera… und dann hämmert uns „the 5th“ um die Ohren. Echt jetzt – Beethoven wäre vor Begeisterung ausgeflippt – wir tun’s auch. David ist unglaublich. Sowas wie Anlaufzeit kennt er gar nicht: Von einer Bühnenseite auf die andere, er geigt wie besessen, schon jetzt wirkt er wie aus einer anderen Welt. Die Gitarrenriffs brettern durch den Saal. Der Bogen tanzt so schnell, dass sogar die fliegenden Haare langsam aussehen… fliegende Haare? Moment mal, HAT er die jetzt zusammengebunden oder nicht? Mein Gott, ist das irre… seinem Gesichtsausdruck nach ist David verloren für die Welt. Die Haare sehen im Scheinwerferlicht aus wie flüssiges Gold (ok, ok, ich reiß mich zusammen). Und vermutlich verlieren sich grad 95% der weiblichen Konzertbesucher in wilden Phantasien. Nur einmal durchwuscheln (sorry – ich VERSUCHS ja, mich zusammenzunehmen, ehrlich). Der Schlussakkord. Boah. Wir schrecken auf. Wie, Stück schon vorbei? War das immer schon so kurz?

 

Ins wilde Klatschen hinein fragt ein erhitzer (Leute, es ist sauheiß hier drin), unglaublich attraktiv zerzauster David: „So, jetzt erst mal eine kurze Frage an die Damen hier in Wien: Hat jemand ein Haargummi dabei? Das ist nämlich gerade verloren gegangen.“ – atmen, atmen, atmen – „Falls jemand eins hat, der ideale Moment kurz auf die Bühne zu kommen“. Ja, ja, ja….Mental sprinte ich schon los und ziehe dabei das Haargummi aus meiner Frisur… äh…(Denken setzt im Hinterkopf ganz verschwommen wieder ein)…äh, irgendwas stimmt jetzt nicht… irgendwie bin ich (mental) schon quer über die freien Stühle vor mir gejumpt, als mir wieder einfällt, dass man für kurze Haare kein Haargummi braucht. Egal… die kann man auch ums Handgelenk tragen (Denken funktioniert noch nicht ganz richtig)… Grad noch rechtzeitig, bevor ich nicht nur im Geiste zur Bühne galoppiere, fällt mir ein, dass ich auch ums Handgelenk kein Haargummi trage. Was für ein BLÖDER MIST. DIE Panne passiert mir künftig garantiert nicht mehr!

 

Der meint’s ernst. Die ersten langhaarigen Damen rennen los. Vielleicht so 20 oder 30? Komisch, keine 200 oder 300….Neben mir rast am rechten Gang entlang ein Mädel mit superschönen blonden Haaren zur Bühne und reißt sich im Laufen das Band aus dem Zopf… „perfekte Gelegenheit mal ein bisschen….“ Was das ‚bisschen’ ist, für das jetzt die Chance ist, erfährt das kurzhaarige, gebannt lauschende Damenpublikum leider nicht mehr (die mit den langen Haaren lauschen nicht, die rennen ja), denn David schaut nach links, wo eskortiert von einem Security-Mensch die dunkelhaarige Siegerin im Bühnensprint dem erleichtert grinsenden David ein Haargummi reicht. „Vielen vielen herzlichen Dank“. Uff. Haare gerettet (die Frisur sollte wohl doch nicht so). Die Dame dreht sich schon wieder um und steigt die Treppe runter… Davids „wie heißt Du?“ kriegt sie gar nicht mit. „Ok“ – bedauernder Unterton – „ohne Namen“. Oh mein Gott, WIESO nur hab’ ich keine langen Haare? Ich hätt’ schon dafür gesorgt, dass David meinen Namen inkl. der richtigen Schreibweise nie wieder vergisst. (ja, ja… natürlich nur, sofern ich mich an meinen Namen noch erinnert hätte). „Seeekunde. Franck, hältst du das Mikrophon für eine Sekunde?“ Erfreutes Jubeln begleitet die Aktion David-bindet-sich-die-Haare-zusammen, die gekrönt wird von verrutschtem Shirt und Hose. Klar, beim Zopf machen, muss man sich ja strecken… „ich glaube, ich muss nie wieder Gummibänder kaufen, da sind so viele jetzt… also weiter im Programm“. Uff. Genau. You should listen not look. Mädels, big sorry, ein Foto habe ich gemacht, aber wie man focussiert, daran konnte ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

 

Gut. Weiter im Programm. Beruhigen wir uns alle mal ein bisschen mit dem „Bolero“.  Wobei ich nicht sicher bin, ob die sehnsuchtsvollen Töne, die David seiner Violine jetzt entlockt, viel zur Beruhigung beitragen. Und der Blick dazu… bzw. er hat ja die Augen zu… das ist einfach so bewegend, so unglaublich schön, so jenseits aller Worte. Gut, dass ich mit dem Fotoapparat beschäftigt bin, sonst würde ich vermutlich wieder mal heulen… Nach der „oh je war mir schlecht“-Story geht es dann wieder rockiger mit „live and let die“ weiter. Das Feuer brät David, die Band und die ersten paar Reihen. Mensch, es ist echt heiß hier drin… (komischerweise kreist mein Kreislauf fröhlich Runde um Runde, ganz ohne zu zicken).

 

Als David mit „das nächste Stück habe ich zusammen mit meinem guten Freund Franck van der Heiden geschrieben“ ‚80s Anthem’ ankündigt, gibt es spontanen Zwischenapplaus. Ist mir so noch nie aufgefallen – da scheinen sich 10.000 Leute auf eine Eigenkomposition von ihm zu freuen. David strahlt so glücklich, dass ich mich seit langem mal wieder richtig gut fühle. Einfach nur glücklich, heute hier zu sein und jetzt dieses Lied wieder live erleben zu dürfen. Es ist mehr als nur ein besonderer Moment – es ist einer der Augenblicke, in denen du alles Denken loslassen und nur noch die Musik fühlen kannst. Könnten sich alle Gefühle aus dem Körper lösen, dann würde meine Sehnsucht mit diesen Geigenklängen tanzen, durch funkelnde Sterne, helle Sonnenstrahlen und durch schimmernde Dunkelheit, die man nicht mehr fürchten muss. ‚80s Anthem’ ist Magie. Es ist der Zauber der Musik, den nur wahrhaft begnadete Künstler zum Leben erwecken können. Noch in Hunderten von Jahren, wenn wir alle nur noch ein Staubkorn im ewigen Lauf des Universums sind, werden die Menschen vom ‚Wundergeiger’ reden, der die Gabe hatte, Menschen glücklich zu machen, ganz einfach weil er für das lebte was ihn selbst erfüllte und diese Erfüllung mit allen teilte, die bereit waren, zu hören. Sie werden uns beneiden, uns, die wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebten. Denn sie werden sich wünschen, sie hätten nur ein einziges Mal dabei sein können.

 

In derart aufgewühlter Gefühlslage muss ich jetzt sogar bei Brahms weinen… es ist so schön, so DERART schön… wo sind die Worte, die dafür noch erfunden werden müssen? Und hat ‚enchanted’ jemals zuvor jemand mit so viel Hingabe gespielt? Ohne ein Wort zu sagen oder zu singen, nimmt David uns mit auf eine Reise in sein Herz. Fast kann man die Magie sehen…

 

…und bevor wir alle gemeinsam davonschweben, bewundern wir bei „summer“ einmal mehr seine Virtuosität. Um so spielen zu können, braucht es mehr als „nur“ unglaubliches Talent. Solch ein Können ist das Ergebnis von eiserner Disziplin, Übung, Fleiß, Hingabe, Verzicht – all’ das kann man hören. Und fühlen. Die Akkustik-Version mit Marcus an der Gitarre wird ein „Showstopper“, der Applaus nimmt kein Ende. Marcus, schon wieder zurück auf seiner Bühnenseite, „muss“ nochmal in die Mitte kommen, so begeistert wird auch er gefeiert. Und hätte David nicht einfach mitten in das nicht enden wollende Klatschen ‚Zorba’s Dance’ angekündigt, würden wir vielleicht heute noch dort sitzen und diese beiden fantastischen Musiker feiern.

 

Nachdem David unter fröhlichem Lachen aus dem Publikum und mit den Worten „ja, is’ heiß hier“ gefühlte 5 Minuten auf der Bühne steht und Wasser trinkt, folgt ‚Musica e’, was mich einmal mehr mit den Tränen kämpfen lässt. Das sind die Konzertmomente, in denen man sich eine Freundin an der Seite wünscht, die einen ohne Worte versteht. Die man an der Hand nehmen kann und von der man weiß, dass sie in diesem Augenblick genau das gleiche empfindet… Den Kampf gegen die Tränen verliere ich jetzt und auch beim Mittelteil des ‚Michael-Jackson-Medleys’. Mal ehrlich, jetzt bin ich froh, dass David ein Stück „seiner Lieblingsband Aerosmith“ (meine auch, meine auch) ankündigt – und mit ‚walk this way’ geht’s in die Pause, die ich für einen kurzen telefonischen Livebericht nutze. Freu, was kosten gleich noch Auslandsgespräche per Handy???

 

Wahnsinn. Ist DAS toll. Jetzt wird ein bisschen Frischluft in die Halle geblasen (sieh an, es gibt DOCH eine Klimaanlage), ein kurzer Check der bisherigen Foto-Ausbeute. Böööh, eher mau – was Wunder, Kunstlicht und Kompaktkamera ergeben nunmal keine Fotokunstwerke. Vor mir sitzt jetzt doch jemand (leider auch jemand relativ großes). Bevor ich mich groß über beides grämen kann, geht das Licht schon wieder aus… das Intro zu ‚child’s anthem’ beginnt…

 

… und ja, klar, jetzt wird er wie immer von der anderen Seite auf die Bühne wandern, also von rechts, also… müsste er doch eigentlich… gleich… genau, die Geige hört man schon… yipieeh… da isser, da isser…da läuft er, direkt vor uns vorbei…je, sieht der GUT aus (reminder for the ladies: you should listen not look) … und diese Hände… Bei JBJ hat sich mal eine meiner BJ-Freundinnen gewünscht, ein Mikrophon zu sein – ok, no comment.

 

Der zweite Teil beginnt mit Davids Ansage „ich bin ja eigentlich ein sehr unkomplizierter Typ“. Das Publikum lacht sich darüber schon scheckig, was David kurz echt irritiert… die allseits beliebte Hanuta-Geschichte folgt und erntet planmäßig erneutes Gelächter, dann geht’s gemeinsam mit David, der Band und dem Orchester in die Karibik. Fasten seat belts – abheben, durch die Wolken – ach nee, Jack Sparrow war ja ein SCHIFFSkapitän. Egal… der Soundtrack fetzt durch die Halle, tosender Applaus am Ende. Hei, yeah… David rockt die Hütte.

 

Und dann wird es auch schon wieder romantisch. Schon als er ‚clair de lune’ ankündigt, seufzt jemand ganz laut (nein, ich war’s nicht)… David grinst…. und beginnt. Der Mond geht auf (auf der Leinwand natürlich), die Szenerie ist perfekt. Ich hätte jetzt auch nichts dagegen, wenn Edward Cullen noch ums Eck käme… aber da dies nicht passiert, kann man sich ganz auf die Musik konzentrieren und sich forttragen lassen. Ein paar Grade rockiger wird es danach mit „Vivaldi meets Vertigo“, gefolgt von ‚Asturias’. Klasse, einfach genial, wie David Klassik mit Rock verbindet und damit etwas völlig Eigenes kreiert. Man kann fast nicht anders, als staunend mit offenem Mund fassungslos da zu sitzen und sein Können zu bewundern. Die Finger fliegen über die Saiten, (die Frisur sitzt seit der Pause auch wieder ganz fest, so dass sich keine böse Strähne mehr lösen und den Meister stören kann), die Mimik zeigt, dass er wieder so in sein Spiel vertieft ist, dass vermutlich die Halle einstürzen könnte, ohne dass er es merkt. Das ist schnell, so schnell kann ich kaum gucken, wie er spielt. Irre – ein unglaublicher Genuss, ihm beim Spielen aus nächster Nähe auf die Hände zu schauen.

 

Die Zeit geht so schnell rum, wir sind schon beim Stück ohne David – worauf wir meinetwegen gerne verzichten könnten. Nicht wegen „ohne David“, sondern wegen AC/DC, die ich im Original schon unerträglich ätzend finde. Auch die Version von Davids Band – sorry Leute – absolut nicht meins. Klar, Kult ist es – aber viel, viel zu laut. Viel zu aufgedrehte Bässe und Schlagzeug, viel zu heftig. Ich mag es, wenn auch harte Rocknummern eine Melodie haben. Bei ‚whole lotta rosie’ kann ich (wie immer bei AC/DC) beim besten Willen keine entdecken. Gerne würde ich von dieser fantastischen Band eine Instrumentalversion (ohne David) von irgend einem anderen Kultsong hören (‚Keep the Faith’ beispielsweise), aber das hier verdödelt irgendwie meine Stimmung kurzzeitig ein klein wenig.

 

Krasser kann der Gegensatz jetzt nicht mehr sein, denn es folgt die Paganini-Version Nr. 18. In welchem Konzert kann man schon derart unterschiedliche Stücke direkt hintereinander hören? Man muss David wirklich bewundern für seinen Mut zu solch einer Zusammenstellung. Sich an keine Konventionen zu halten, durchweg Kunst auf höchstem Niveau zu bieten und frei von Zwängen zu agieren: DAS schafft nur ein Künstler, der sich selbst gefunden hat. Vermutlich denkt er nicht darüber nach, ob das jetzt allen gefällt, ob’s Befremden auslöst oder ob die Kritiker wieder mal gegen ihn schießen – er macht, was er für richtig und gut hält. Und das ist der verdammt richtige Weg. Für alle Menschen, eigentlich, nicht nur für Künstler… Inzwischen fegt ‚Kashmir’ wie ein Wirbelsturm durch die Halle. Cool, dass man beim Geigespielen auch headbangen kann. Er ist einmalig… genau wie das ganze Konzert, das jetzt auf ein Highlights unter all’ den Highlights zusteuert… Ich freu mich soooo…

 

… David beginnt zu spielen und… geht nochmal ans Mikrophon. Ups, was kommt jetzt? „Also, dieses Stück möchte ich… ähem… möchte ich allen meinen Fans widmen. Es heißt – ähem… ‚You raise me up’.“ Er macht jetzt irgendwie selber einen ziemlich ergriffenen Eindruck. Krampfhaft halte ich mich an meiner Kamera fest und filme während mir die Tränen übers ganze Gesicht laufen. Hat er das schonmal getan, ein Lied – und noch dazu gerade DIESES – den Fans zu widmen? Ich hab’ es bisher jedenfalls noch nie mitgekriegt, sitze da, fühle mich persönlich angesprochen und kann es einfach nicht fassen. Also, nein, natürlich bin ich nicht so neben der Spur, dass ich wirklich denke, er meint MICH. Aber er meint uns – seine Fans. Und damit auch ein bisschen mich. Gerade DIESES Lied. Eigentlich mag ich die Bezeichnung „Fan“ so gar nicht – und vermeide sie auch, so gut es geht. Ich sag’ „ich find’ David Garrett gut“ oder „ich mag seine Musik“. Aber jetzt, ja jetzt sage ich aus tiefster Überzeugung: Ich bin David-Garrett-Fan. Durch und durch. Und stolz darauf. Und dankbar, dass ich damals (ts, damals… es ist grad mal ein gutes halbes Jahr her) auf dieses Konzert gegangen bin. Ich krieg mich kaum noch ein und ringe verzweifelt um Fassung…. You raise me up, so I can stand on mountains; You raise me up, to walk on stormy seas; I am strong, when I am on your shoulders; You raise me up: To more than I can be”. Bei so vielen Musicalgalas habe ich das Lied gehört, auch meine Freundin Janet hat es zusammen mit Kevin Tarte schon gesungen – jedesmal ist es wieder wunderschön. „When I am down and, oh my soul, so weary; When troubles come and my heart burdened be; Then, I am still and wait here in the silence, Until you come and sit a while with me.” Für mich eins der ergreifendsten Stücke überhaupt… und ich glaube heute, jetzt, in diesem Moment, ist es von fast überirdischer Schönheit.  David schreitet langsam von der Bühne, ein Stückchen ins Publikum rein, auf den echt wackligen „Fahrstuhl“ nach oben. Mir fällt fast die Kamera aus der Hand vor Schreck… will er WIRKLICH? Sieht echt gefährlich aus… aber er schwebt nach oben und nimmt uns mit. Ein Traum könnte nicht schöner sein – es fühlt sich an wie Sternschnuppen am Sommerhimmel. Er muss die Töne nicht spielen. Es ist, als wären sie immer schon da gewesen, tief in ihm verborgen. Und als hätten sie nur auf diesen einen Moment gewartet, um durch die Luft zu schweben… ein magischer Moment, einer, den man ein Leben lang nicht vergisst.

 

Puuh. Eine gefühlte Ewigkeit später atme ich wieder. Hei, ich wusste gar nicht, dass ich gleichzeitig fimen, weinen und zittern kann. Der ‚Master of Puppets’ holt mich in die rockige Realität. Und dann…das meint er jetzt nicht im Ernst, oder? Wie „das letzte Stück des Abends“? Hä??? Er kann doch nicht nur einen zehnminütigen zweiten Teil abliefern… no way. ‚Rocking all over the World’ – und David rast von links nach rechts und rechts nach links, Marcus ebenfalls, jetzt sind beide und Franck vorne, yeah, yeah, yeah… Große Konfetti-Schnippsel regen auf Bühne und Publikum. Das Orchester spielt ebenfalls komplett im Stehen, die Halle tobt, alle sind komplett von der Rolle und stehen, hopsen, springen… aber es hilft nichts, niemand kann die Zeit anhalten. Verbeugung – und David samt Band verschwinden erstmal von der Bühne. Beifallsstürme holen sie aber in Windeseile zurück und David gibt den ‚Czardas’… schnell, schneller und dann – der langsame Teil mit Kniefall…. Die Geige seufzt, ich auch. Kann es so schnell vorbei sein? Doch klar, der letzte, rasante Teil kommt…. und… was geht denn jetzt ab? Da rasen plötzlich von beiden Seiten Fans nach vorne, das sind mindestens 100, 200 Leute,  und werfen sich an den Bühnenrand. Es gibt kein Halten mehr (die sehr relaxte Security versucht’s auch gar nicht erst), Kreischen, Toben, völliges Ausrasten, Klatschen, Trampeln, ein Höllenlärm – und wir sind im siebten Himmel mit ‚unserem’ Geiger. Meine Güte, ein Rockkonzert ist nichts dagegen – vermutlich fliegen gleich noch BHs – schräg hinter mit kreischt sich ein Mädel die Seele aus dem Leib „Daaviiiiiid“. Ja, sie hat ja recht… wenn ich nicht seit meiner Stimmbandentzündung nicht mehr kreischen könnte (die Töne kommen nicht mehr), würde ich auch….  Mein Gott, echt… kollektives Koma.

 

Und ein David, der komplett überwältigt scheint – er sagt sowas wie „Wahnsinns Stimmung hier“, braucht unsere Hilfe für ‚hey Jude’. „Wer ein Handy dabei hat, kann es jetzt kurz rausholen, Display anschalten – handy, cellphone (alles lacht) – kurz hochhalten, Display in meine Richtung….“ Ich werf mich gleich weg, natürlich hat er gesehen, dass alle wie verrückt gefilmt und fotografiert haben. ‚Hey Jude’… du liebe Zeit, jetzt rastet der Typ hinter mir auch noch aus und brüllt in höchster Lautstärke, textsicher und gar nicht mal sooo schlecht aus Leibeskräften mit. Wahnsinn – kreischende Girls, ausflippendes Mittelalter, freudig lachende Rentner – wie macht er das, wie schafft er es nur, alle gleichermaßen mitzureißen. Es ist unglaublich, unfassbar, es ist der pure Wahnsinn, jeden, aber wirklich jeden Euro wert. Er gibt sich und seine Leidenschaft für die Musik – und ich hoffe, wir können ihm nur einen kleinen Bruchteil mit unserer Freude und Begeisterung zurückgeben. Es ist zum Abheben…

 

… und wir schweben noch ein letztes Stück durch die Wolken, bis der Flieger zum Landeanflug in Stuttgart ansetzt. Irgendwann gehen alle schönen Dinge vorbei – aber die Erinnerung wird mich für alle Zeiten begleiten. Die Erinnerung an ein Konzert, bei dem ich im Vorfeld so eine Angst hatte, es wieder nicht richtig genießen zu können und das mich so derart mitgerissen hat, dass alles unwichtig wurde. Es war zu fantastisch, um dem Gefühl mit Worten gerecht zu werden. Es war… David at his best. Und die Wolke da ganz oben am Himmel – ich schwöre, die sieht aus wie eine Violine.

 

Foto: david-garrett.com

Bericht: Sylke Wohlschiess

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)