Interview mit Christian Pätzold

Interview mit Christian Pätzold

 

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1. Herr Pätzold,  Sie wurden in Tübingen geboren und studierten

auch dort sowie in Berlin Germanistik und Romanistik.

Welches berufliche Ziel verfolgten Sie ursprünglich?

C.P: Mein ursprüngliches Berufsziel war Musiker, besser gesagt

Geiger. Doch mein Vater hat mir diesen Beruf verboten, ebenso

hinderte er mich, die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in

Stuttgart zu machen, obwohl er nicht nur mein Vater, sondern

auch mein Geigenlehrer war. So habe ich Germanistik und

Romanistik studiert, was mich auch sehr interessierte, und wovon

ich später am Theater sehr profitiert habe. Ich war dann Mitglied

im Tübinger Studentenorchester, mit dem ich unter anderem auf

eine Ostafrikatournee ging, nahm  Schauspielunterricht in Stuttgart,

da mich das Theater ebenso faszinierte wie die Musik, und hatte

das Glück, dass mein Lehrer mir häufig Freikarten für das

Staatstheater besorgen konnte und so konnte ich regelmäßig sehr

guten Schauspielern bei der Arbeit zusehen, und habe dabei viel

gelernt. Als ich dann nach Berlin ging, besuchte ich ab 1965 eine

private Schauspielschule, neben meinem regulären Studium.

 

2. Wie, bzw. wann kam es dazu, dass Sie die Liebe zur Schauspielerei  entdeckten?

C.P: Die Liebe zur Schauspielerei war schon sehr früh da. Meine ersten Schritte auf einer Bühne absolvierte ich als Erstklässler bei einem Krippenspiel. Da spielte ich „König Herodes“ und ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich aufsprang und rief: „Ein neuer König, wer soll denn das sein?!“ Ich war in Nagold auf dem Gymnasium und gründete auch dort eine Theatergruppe.

 

3. Wie können wir uns Ihre Ausbildung bei Hanny Herter in Berlin vorstellen?

C.P: Da hatte ich Atemtechnik, Stimmbildung, Sprecherziehung, Rollenstudium, Körpertrainig, Bühnenfechten etc. – auch Jazz Tanz. Das alles macht eine gute Schauspielausbildung aus. Meine Ausbildung dauerte von 1965-68.

 

4. Dass Sie auch sehr musikalisch sind, zeigt die Tatsache, dass Sie als Geiger und Bratscher Ihr Geld in Paul Kuhns Tanzorchester sowie im Theater des Westens verdienten.

C.P:  Irgendwann sah ich ein, dass mein Talent nicht ausreichend sei, um ein erfolgreicher Solist zu werden. Als ich dann aber meine Schauspielschule in Berlin finanzieren musste, suchte ich auch über den Künstlerdienst des Arbeitsamtes Jobs. Dabei erwähnte ich, dass ich Geige und Bratsche spiele. Der Vermittler rief noch in meiner Gegenwart den Chef der Streichergruppe des SFB-Tanzorchesters an und vermittelte mir ein Probespiel. Und ich landete in Paul Kuhns Orchester!

 

5. Wurden Ihre Talente gezielt von Ihren Eltern und von Lehrern gefördert?

C.P: Ich wuchs in einem musischen und künstlerischen Umfeld auf und wurde zunächst unterstützt. Bei meinem Vater lernte ich Geige, war Mitglied seines Kammerorchesters und des Schulorchesters, sang in seinem Chor und eine Zeitlang im Katholischen Kirchenchor, spielte auch regelmäßig Streichquartett. Zu Hause machten wir viel Kammermusik. Aber mein Vater wollte aus verschiedenen Gründen nicht, dass das mein Beruf würde. Er hatte bei der Jugendmusikbewegung in Berlin einen guten Ruf, verlor aber 1933 eine große Anzahl seiner Freunde, als diese alle Nazis wurden. Dazu war er noch mit einer Jüdin verlobt und wollte in die USA auswandern, was ihm nicht gelang. Im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 wurden dann weitere Freunde von den Nazis ermordet, und in der Adenauerzeit waren dann plötzlich wieder alte Nazis seine Vorgesetzten. Das hat ihn verbittert.. Er hoffte, dass ich all die Fehler, die er gemacht hatte, nicht machen würde.

 

6. Sie sind Schauspieler, Musiker sowie Regisseur – wenn Sie eine Rangfolge festlegen müssten, was Sie am liebsten tun, wie würde diese aussehen?

C.P: Schwer zu sagen – ich mache immer das am liebsten, was ich aktuell tue. Das ist keine ausweichende Antwort, sondern völlig ernst. Die Regie ist in den letzten Jahren eher in den Hintergrund getreten. Mit Machtspielen komme ich immer weniger zurecht – und als Regisseur steht man da im Zentrum, sowohl als Täter als auch als Zielscheibe. Bei meinen Soloprogrammen hingegen kann ich ungestört suchen, ausprobieren, verwerfen, erfinden und muss nicht auf fremde Eitelkeiten Rücksicht nehmen. Hier bin ich nur von meinem Publikum abhängig..

 

7. Sie sind und waren nicht nur auf vielen renommierten Theaterbühnen zu sehen, sondern auch bereits sehr oft in TV Produktionen – viele Schauspieler möchten den direkten Kontakt zum Publikum nicht missen und bevorzugen stets das Spielen vor Menschen direkt auf der Bühne. Wie sieht es bei Ihnen aus – gehören Sie eher zu den Schauspielern, die die Publikumsnähe suchen oder bevorzugen Sie die Arbeit im TV?

C.P:   Es sind tatsächlich zwei völlig verschiedene Berufe und Welten. Am Anfang war mir das Fernsehen sehr fremd –: das Ausprobieren und Irrwege gehen fehlte mir. Mittlerweile macht mir die TV Arbeit jedoch sehr viel Spaß. Zu einer bestimmten Zeit, als ich noch ein festes Theaterengagement hatte, genoss ich es richtig zu drehen, weil hier nicht irgendwelche jungen Regisseure an einem herumschnitzen und dir  beweisen müssen, was für ein schlechter Schauspieler du bist. . Beim Fernsehen muss man gut vorbereitet sein und das, was du machst, wird geschätzt. Andererseits spielt beim Drehen der technische Bereich eine sehr dominante Rolle,  während ich beim Theater emotional viel mehr auf meine Kosten komme. Nach einer guten Vorstellung hat man erhebliche Glücksgefühle.

r 2 Zentner ist, ist „Arschloch“.  Nein, im Ernst – ich spielte eine ganze Zeit lang diese eher dummen Kommissare in „Ein Fall für Zwei“! Was natürlich viel mehr Spaß macht als einen guten Anwalt zu spielen, weil man da viel mehr Charakter zeigen kann. Ich war auch sehr lange festgelegt auf Polizeigeschichten. In meiner Seele schlagen da auch ganz andere Dinge.

 

9. Viele Schauspieler bevorzugen es, böse oder zerrissene Charaktere zu verkörpern – worin liegt Ihrer Meinung nach der Reiz, solch eine Rolle zu spielen und strebten Sie dies auch an?

C.P: Natürlich sind widersprüchliche Charaktere viel interessanter, man kann viel mehr zeigen. Allerdings ist mir auch wichtig, dass immer etwas Komisches dabei ist. Was nicht bedeutet, dass ich Dinge nicht Ernst nehme. Das gewisse Augenzwinkern muss dabei sein. Bei Brecht heißt es: „Man kann eine gute Sache ebenso gut komisch ausdrücken, nur dieser „wie-heißt-er-noch-gleich“ (er meinte Hitler), bei ihm und seinesgleiche war alles immer toternst, da sie keinen Humor hatten!“

 

10. Kommen wir zu SOKO Stuttgart – hier verkörpern Sie „Friedemann Sonntag“, Leiter der Asservatenkammer und zuständig für den Fuhrpark, außerdem der Einzige der festen Crew, der Schwäbisch spricht. Wie kamen Sie zu dieser Rolle? Haben Sie sich gezielt dafür beworben oder wurden Sie ausgesucht?

C.P:  Ich wurde zum Casting eingeladen, die suchten gezielt Schauspieler aus der Gegend, die Schwäbisch sprechen. Damals kam ich noch eine Stunde zu spät, da der Zug von Neustadt nach Mannheim 10 Minuten Verspätung hatte und da dachte ich, das wird nichts mehr. Nach dem Casting habe ich dann ewig nichts mehr gehört und irgendwann kam dann das Angebot.

 

11. Können sie unseren Lesern beschreiben, wie Sie persönlich Ihre Rolle charakterisieren würden und sammeln auch Sie im wahren Leben Miniautos?

C.P:  „Friedemann“ ist ein altgewordener Polizist, der nicht mehr für den Außendienst taugt und auch ganz froh darüber ist, nun in die Asservatenkammer abgeschoben worden zu sein, da kann er seine Sachen machen und sein eigenes Reich aufbauen. Er hat auch kleinbürgerliche Elemente, z.B. dass er gerne einen Schrebergarten hätte oder dass er sich nicht von Jo seine Pension kaputtmachen lassen möchte. Sehr viel mehr ist da gar nicht zu sagen, ausser vielleicht, dass er viel Mutterwitz hat.

 

12. Inwiefern ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, die Szenen mit Ihnen und Jo, die stets Witz und Pointen enthalten, in die reguläre SOKO Folge zu integrieren?

C.P: Damit der Pätzold Arbeit hat (*lacht laut) – ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass diese Szenen enthalten sind. Man versucht, in einer SOKO Folge ein möglichst breites Zuschauer- Spektrum abzudecken.Da ist z.B. Rico Sander, der mit seinen Computergeschichten eher die junge Generation anspricht; oder Jo, der mit seinen Autos und seiner chaotischen, anarchischen Art bei ganz anderen Leuten ankommt; schließlich die attraktive Anna Badosi und vor allem die durchaus humorvolle seriöse Martina Seiffert, usw.  Mit Friedemann wiederum können sich ältere Leute identifizieren; oder auch jüngere, die gerne so einen Opa hätten!

 

13. Wie können wir uns einen typischen Drehtag bei SOKO Stuttgart vorstellen?

C.P:  Drehen ist für Außenstehende stinklangweilig. Eine meiner ersten TV Rollen war bei „Oh Gott, Herr Pfarrer“ und damals dachte ich: Für DAS, was du hier tust, bekommst du Geld? Du sitzt hier nur rum und wartest. Doch ich merkte schnell, dass Drehen sehr anspruchsvoll ist. Vor allem die technische Seite. In dem Moment, wo die Klappe fällt, muss ich total fit sein, egal wie lange ich gewartet habe. Ich muss perfekt vorbereitet sein. Für Außenstehende ist es sicher sehr spannend zu sehen, wie viele Leute an einem Set beschäftigt sind, wie viele Scheinwerfer herumhängen etc. Man braucht übrigens so viele Menschen am Set, da jeder eine spezielle Tätigkeit hat.

 

14. Wie viel von Christian Pätzold steckt wirklich in „Friedemann Sonntag“?

C.P:  Ich persönlich würde in einer Asservatenkammer eingehen. Ich würde nie Miniautos sammeln und mich nach einem Kleingarten sehnen. Aber man hat ja solche Erfahrungen in der Verwandtschaft machen können. Was mir nahe kommt ist, dass Friedemann mit der Hierarchie Probleme hat, und dass er immer wieder aneckt. Man kann nicht etwas spielen, was einem total fern ist. Man muss eine Rolle immer zu sich heranziehen, auch Verhaltensweisen müssen in dem Moment, in dem man sie spielt gut und liebenswürdig herüberkommen. Selbst wenn man einen Mörder spielt, muss das Publikum merken, dass er aus bestimmten Beweggründen handelt, aus einer großen Not heraus etc. Hinzu kommt noch der Aspekt: Aussehen und Wirkung, das darf man nicht unterschätzen.

 

15. Nun ein kleiner Exkurs zu Ihren weiteren Tätigkeiten: Sie bieten auch Solo-Programme und Lesungen an. Sicherlich erfordert dies ein hohes Maß an Vorbereitung. Erzählen Sie uns doch ein wenig mehr über Ihre Solo-Programme und wie Ihre Vorarbeit dafür aussieht.

C.P:  Momentan bin ich dabei, ein Tucholsky Programm zusammenzustellen, unter dem Titel: „Also, wat nu? Ja oder ja?“! Meine Intention ist immer, ein theatralisches, komisches und tragisches und auch ein gesellschaftspolitisches Interesse mit meinen Programmen zu verfolgen. So setzte ich mich im Vorfeld auch mit der gesamten Biographie Tucholskys auseinander, stellte auch Widersprüche bei ihm fest, die ich vorher nicht erahnte. Insgesamt stelle ich dann ein Programm zusammen, das möglichst viele Werke und Biographisches von Tucholsky enthält und das auf vergnügliche, klare und auch nicht bequeme Art und Weise den Zuschauern alles nahebringt. Es darf auch ruhig mal ein Text drin sein, bei dem die Leute sagen: Das habe ich aber nicht ganz verstanden. Ich werde wahrscheinlich mit einer kleinen Szene beginnen „Ein älterer, aber leicht besoffener Herr“ heißt der Text. Eine Geschichte in den 20er Jahren, bei der sich ein älterer Herr durch die Wahlveranstaltungen der damaligen Zeit läuft und säuft und darüber spricht. Ein sehr witziger und pointierter Text. Ich werde z.B.  das „Lied vom Kompromiss“ singen, bei dem ich mich selbst auf der Geige begleite. Dann gibt es auch viele komische Texte, wie „Lottchen beichtet einem Geliebten“. Manches singe und spreche ich auswendig, anderes lese ich.

 

16. Auf Ihrer Homepage „Theaterwerkstatt Weinstraße“ ist zu lesen, dass Sie auch Schauspielkurse (inkl. Stimmbildung, Atemtechnik etc.) in Einzel – oder Gruppenunterricht sowie Managerschulungen anbieten. Erzählen Sie uns doch bitte mehr darüber. Für wen sind die Kurse geeignet, wie lange sollte man diese besuchen …?

C.P:  Anfang der 70er Jahre leitete ich an einer Hauptschule in Kleve eine Theater AG. Da entstand über Improvisation ein fast abendfüllendes Theaterstück und ein halbstündiger s/w –  Stummfilm auf 16 mm. Zuvor hatte ich in Berlin Kreuzberg ein Jahr lang ein sehr ernsthaftes Theaterexperiment mit unterprivilegierten Kindern und Jugendlichen gemacht; – was nun die Theaterwerkstatt Weinstraße angeht, so verhält es sich hier anders: ich habe eine Zeit lang Jugendliche auf Aufnahmeprüfung bei staatlichen Schauspielschulen vorbereitet, Politiker für öffentliche Auftritte fit gemacht, etc. Allerdings muss ich sagen, dass die Angebote in dieser Bandbreite nicht mehr existieren – neben Dreharbeiten und Soloprogramen, bleibt mir dafür so gut wie keine Zeit mehr.Bei den Managerschulungen geht es vielmehr um die Außenwirkung der Manager oder Personen in leitenden Positionen. Auch die richtige Rhetorik ist wichtig. Es gibt erfolgreiche und hervorragende Manager, die bei öffentlichen Auftritten eine Katastrophe sind. Und genau da hake ich ein. Allerdings muss ich dazu sagen, dass diese Angebote oder diese Bandbreite, die ich mal angeboten habe, gar nicht mehr leistbar von meiner Seite aus sind! Einfach auch aus Zeitgründen!

 

17. Wie verbringen Sie Ihre knapp bemessene Freizeit? Versuchen Sie, völlig den Bereich Schauspiel, Musik und Kunst auszublenden oder geht es nicht ohne diese Komponenten in Ihrem Leben?

C.P:  Ausblenden auf keinen Fall, da diese Bereiche stets mit Emotionen zu tun haben.

 

18. Welche zukünftigen Projekte stehen bei Ihnen an – ob nun im TV und/oder auf der Bühne?

C.P:  Ich hoffe, dass ich SOKO Stuttgart die Treue halten kann, werde auch meine Theaterwerkstatt an der Weinstraße weiter pflegen, dann folgt mein Tucholsky Programm. Zum 31.10. und 01. 11. kommt ein Gruselprogramm und im Dezember „Vorweihnacht in Rhodt“. Ich habe eben für den „Tatort“ gedreht – also es wird noch einiges von mir zu hören und zu sehen sein.

 

19. Gibt es etwas, das Sie unbedingt noch realisieren möchten – Sie haben ja bereits so viel erreicht?!

C.P: Den „Galilei“ von Brecht würde ich gerne spielen, aber dieser Traum ist wohl leider nicht mehr realisierbar. Außerdem gibt es noch das „Walthari-Lied“, das ist auf Latein und eines der ältesten Denkmäler deutscher Literatur. Es handelt sich um eine unglaublich spannende Geschichte im Vorfeld des „Nibelungenliedes“ – hier verliert Hagen von Tronje sein Auge, Gunther seinen Arm und Walter seinen Fuß,  weil sie gegeneinander kämpfen. Etzel spielt eine Rolle – das war so ein Traum, den ich realisieren wollte.Ich begann auch damit, die Bedingungen für eine Aufführung auf der Burg Fleckenstein im Elsaß zu organisieren, doch einerseits scheiterte es an der Finanzierung und andererseits daran, dass ich nicht ständig vor Ort sein konnte. Man musste stets von Neuem beginnen. Hätten die Gemeinden mitgezogen, wäre es evtl. möglich gewesen…die Hälfte des Epos habe ich bereits neu übersetzt und darum tut mir das bis heute auch ein bisschen weh. Aber wer, weiß, was die Zukunft noch bringen wird..!

 

Interview : Franziska Maier

Fotos zur Verfügung gestellt von Christian Pätzold

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)