Interview mit Dr. Michael Kunze

Interview mit Dr. Michael Kunze

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MuT: Herr Kunze, das Musical „Elisabeth“ wurde bereits weltweit an den verschiedensten Orten aufgeführt (u.a. in Wien, Stuttgart, Essen, Japan..) – nun kommt es ins Deutsche Theater München – werden denn für diese Fassung nochmals Neuerungen bzw. Veränderungen gemacht?

 

M.K: Nein, nicht direkt. In München wird sozusagen die endgültige Fassung aufgeführt, die Elemente aus der Wiener und Elemente aus der Deutschen Fassung enthält. Der Titel „Wenn ich tanzen will“ wurde beispielsweise erst in der Essener Aufführung hinzugefügt und ist seither in allen weiteren Aufführungen fester Bestandteil. Dazu kommen eben noch Szenen oder Requisiten, die es nur in Wien gab. Doch spezifische Neuerungen gibt es nicht!

 

MuT: Sie verfassten auch einen Roman zum Musical „Elisabeth“, welcher allerdings nur in Japan erschienen ist. Weshalb gibt es das Buch nicht auch in Deutschland?

 M.K: Der Roman ist eine reine Nacherzählung des Musicals und es hätte wenig Sinn gemacht, ihn auch hier zu veröffentlichen, da das Stück für sich steht und die Grundgeschichte den Zuschauern auch bekannt ist. In Japan verhält es sich anders, ihnen ist die Geschichte rund um die österreichische Kaiserin nicht geläufig und der Roman ist eine Ergänzung zum Musical, der passend für das begeisterungsfreudige japanische Publikum gemacht wurde.

 

MuT: Sicherlich haben Sie sich im Vorfeld mit den historischen Hintergründen um Kaiserin Elisabeth auseinandergesetzt. Wie kann man sich als Laie den Prozess vom geschichtlichen Hintergrund, hin zum Musical, vorstellen?

 M.K: Zu Beginn steht die Recherche, ich versuche, möglichst detailliert alles über die historische Persönlichkeit zu erfahren. Dies ist wie ein Gerüst oder besser ein Boden, auf dem alles Weitere wächst. In einem Theaterstück werden dann die Personen lebendig. Ich habe sehr viel Respekt vor diesem Schritt – man erweckt diese Persönlichkeiten wieder zum Leben und bringt sie mit all ihren Eigenheiten, ihren Charaktereigenschaften etc. auf die Bühne. Ehe also ein fertiges Stück vorhanden ist, steht ein Akt des kreativen Sammelns an, der oftmals Jahre dauert!

 

MuT: In Ihrer Biographie ist zu lesen, dass Sie Ihr Studium der Rechte mit Promotion erfolgreich abschlossen, dennoch wurden Sie nicht Jurist, sondern Autor, Dramatiker, Schriftsteller… – wie passt denn Ihr Studium zu diesem weiteren Weg Ihres Berufslebens und gab es ursprünglich einmal einen völlig anderen Berufswunsch bei Ihnen?

 

M.K: Ich wollte schon immer schreiben und mein Berufswunsch war eigentlich, einmal ein freier Schriftsteller zu sein. Jurist strebte ich nie an, eher Journalist. So studierte ich auch noch die Fächer Geschichte und Philosophie und arbeitete während meines Studiums bereits als Liedtexter und das sehr erfolgreich, da ich zu diesem Zeitpunkt schon von der Musik leben konnte! Als ich mein Studium dann abschloss, gab es keine Notwendigkeit mehr für mich, dass ich einen anderen Beruf einschlagen müsste, die Musik war fortan mein Leben und ist es bis heute noch!

 

MuT: Wenn eine neue Produktion auf die Bühne gebracht wird, gibt es im Vorfeld immer die Suche nach den passenden Darstellern. Haben Sie diesbezüglich ein Mitspracherecht, was die Auswahl der Darsteller angeht?

 

M.K: Durchaus habe ich ein Mitspracherecht, auch ein Veto-Recht, doch von dem mache ich so gut wie nie Gebrauch. Ich kann es auch unmöglich zeitlich vereinbaren, dass ich bei allen Auditions dabei bin. Meistens lasse ich mir Videos der ausgewählten Darsteller schicken und manchmal bin ich bei den Callbacks persönlich anwesend. Dennoch vertraue ich voll und ganz dem Regisseur, der einen guten Blick für passende Besetzungen hat. Das endgültige Entscheidungsrecht liegt dennoch bei mir. Ich lehne lediglich Darsteller ab, die nicht ins Rollenprofil passen, wenn also ein junger Mann einen Charakter verkörpern soll, der um einiges älter ist als er und er sich nicht in die Bühnengestalt hineinversetzen kann, aufgrund mangelnder Lebenserfahrung, dann ist es mein Recht, einzugreifen. Auch den Choreographen lasse ich freie Hand und vertraue auf ihr Können. Es kam noch nie vor, dass ich ganz und gar nicht zufrieden war mit einer Besetzung!

 

MuT: Ihr Name steht als Garant für hohe Qualität und große Erfolge. Ist es für Sie auch manchmal belastend, wenn automatisch ein Erfolg bei neuen Produktionen im Vorfeld von Ihrem Werk erwartet wird oder haben Sie gelernt, hier Grenzen zu ziehen?

M.K: Der Erfolgsdruck an sich ist für mich nicht belastend. Jedes Stück steht für sich selbst und ich sorge als kreativer Kopf dafür, dass es so umgesetzt wird, wie es letztendlich aufgeführt wird. Man muss dem Stoff gerecht werden. Natürlich gewinnt man durch große Erfolge eine gewisse Unabhängigkeit und hat auch den Spielraum, wenn einmal ein Stück nicht ganz so erfolgreich läuft. Doch ich habe für mich auch Grenzen gezogen, was sehr wichtig ist.

MuT: Verfolgen Sie stets noch mit, was aus den Musicals wird, für die Sie verantwortlich sind – also lassen Sie sich z.B. Besucherzahlen übermitteln?

 

M.K: Auch hier gibt es eine Grenze für mich – ich bin nicht auf Besucherzahlen fixiert oder lasse sie mir extra zuschicken! Natürlich ist es belastend, wenn es auch Misserfolge zu verbuchen gibt, doch mir ist es wichtig, dass meine Stücke den Zuschauern Emotionen übermitteln – ob Freude oder Trauer. Da kommt es nicht auf Fakten an, sondern auf das, dass es dem Menschen gefallen hat.

MuT: „Elisabeth“ wird nun erneut aufgeführt, doch wie sieht es mit den Stücken „Rebecca“ , welches nur kurze Zeit in Wien spielte oder „Marie Antoinette“, welches nach ein paar Monaten Laufzeit in Bremen bereits wieder Geschichte ist, aus?

 

M.K: „Rebecca“ ist ein Erfolgsmusical, welches momentan für den amerikanischen Markt vorbereitet wird. Es wird früher oder später auch nach Deutschland kommen. Einen genauen Zeitpunkt gibt es jedoch noch nicht. Bei „Marie Antoinette“ verhält es sich etwas anders. Es ist ein Musical, das keinen kommerziellen Knaller darstellt. Es ist nicht unbedingt etwas für den deutschen Markt. Auch als Longrun-Produktion eignet es sich nicht direkt. Dass es nach Bremen kam, war eigentlich ursprünglich ein Zufall. Der Intendant des Bremer Theaters sah es in Tokio und wollte es danach für sein leerstehendes Theater in Bremen haben. Wir sahen dies als eine gute Lösung an, da es ein subventioniertes Theater ist und obwohl die Produktion sehr aufwändig ist, sahen es in der kurzen Spielzeit rund 100 000 Besucher!

 

MuT: Welches von Ihnen verfasste Musical liegt Ihnen am meisten am Herzen, bzw. ist Ihr absoluter Favorit?

 

M.K: Mein Favorit ist „Marie Antoinette“, da die Machart des Musicals völlig anders ist als bei anderen Stücken. Zu Beginn der Handlung gibt es zwei Protagonistinnen, die sich bekämpfen. Die Hauptperson Marie Antoinette wird sogar anfangs vom Publikum eher gehasst und dennoch nähern sich die zwei Frauen im Verlaufe des Musicals an und am Ende weinen die Zuschauer um die anfangs verhasste Frau und vergießen Tränen aufgrund ihres Schicksals. Die Geschichte von Marie Antoinette hat mich auch persönlich sehr berührt, darum würde ich dieses Musicals als meinen Favoriten bezeichnen.

MuT: Sie arbeiteten als Liedtexter und Schallplattenproduzent und das sehr erfolgreich. Wenn Sie heute die Entwicklung dieses deutschen Musikmarktes mitverfolgen, dann sehen Sie sicherlich auch, dass Deutschland bei internationalen Wettbewerben, wie z.B. dem Eurovision Song Contest, komplett in den Hintergrund geraten ist. Könnten Sie es sich vorstellen, noch einmal einen Künstler mit einem von Ihnen getexteten Lied ins Rennen zu schicken, um Deutschlands Ansehen zu retten?

  

M.K: Ich habe diesen Berufszweig als Texter bewusst beendet und möchte auch nicht mehr in diese Branche einsteigen – darum nur ein klares: Nein!

 

Der Misserfolg, den wir momentan zu verzeichnen haben auf dem internationalen Markt, ist höchstens mit mangelnder Kreativität und Originalität zu sehen.

MuT: Michael Kunze als objektiver Zuschauer – welches Musical gefällt Ihnen generell am besten und weshalb?

M.K: Generell gefällt mir alles, was emotional ist und mich intellektuell anregt. So finde ich „Wicked“, „Chicago“ oder auch „Sweeney Todd“ – hier allerdings nur die Bühnenfassung und nicht die Verfilmung – als sehr gelungen. Das klassische Musiktheater ist mir wichtig, nicht das Musical an sich. Ein Stück muss auch theatralisch gut umgesetzt werden, es muss mich berühren, so dass ich als Zuschauer mitempfinden kann. „Billy Elliot“ ist auch so ein Beispiel. Die Musik ist nicht so grandios, doch die theatralische Leistung ist phantastisch!

MuT: Was halten Sie von den sogenannten „Jukebox“-Musicals?

 

M.K: „Mamma Mia“ ist ein gut umgesetztes Jukebox-Musical – es hat noch eine starke Handlung, die um die Lieder einen Rahmen bildet. Bei anderen Werken ist das leider nicht so gut gelungen. Es gibt meistens eine schmale Handlung und möglichst viele Hits. Eine dünne Linie, die mit Gewalt eine komische Geschichte erzählen möchte. Ich verdamme diese Art von Musicals nicht, es gibt durchaus respektable Stücke auf diesem Markt, doch ich bevorzuge eben lieber eine andere Richtung!

MuT: Der Trend geht immer mehr in Richtung „Jukebox-Musicals“ – was meinen Sie, wie es auf dem Musicalmarkt in 5 Jahren aussehen wird?

 

M.K: Ein Trend ist schwer auszumachen. Prognosen werden zwar aufgestellt, doch sie irren sich oft. Auch die Produzenten sehen oftmals einen anderen Trend. Letztendlich sollen die Stücke funktionieren und vom Publikum angenommen werden. Denn immerhin sind Musicalkarten nicht gerade günstig und wer 80-90 Euro für eine Show ausgibt, möchte auch eine gute Qualität präsentiert bekommen. Jedes Stück ist eine eigene Marke für sich und hat einen bestimmten Wert. Man muss die Spreu vom Weizen trennen. Langfristig setzt sich nur gute Qualität durch!

MuT: Der große Erfolg des Musicals „Tanz der Vampire“ nimmt kein Ende – so läuft es zur Zeit wieder in Wien und kehrt nächstes Jahr nach Stuttgart zurück. Wie erklären Sie sich diesen „Hype“?

M.K: „Tanz der Vampire“ ist sehr emotional. Er vermittelt Spaß, Freude, Ernsthaftigkeit und noch vieles mehr. Es enthält alle Elemente, die die Menschen suchen, wenn sie in ein gutes Musical gehen. Wenn manche Zuschauer mehrmals ein Stück besuchen, dann sind all diese Bedingungen erfüllt und so ist es eben bei „Tanz der Vampire“!

  

MuT: Die Preise für die Eintrittskarten sind für viele Familien heutzutage kaum noch tragbar. Wäre es nicht sinnvoller, günstigere Tickets anzubieten..?

M.K: Die Preispolitik ist an sich richtig. Die Karte macht letztendlich das möglich, was auf der Bühne präsentiert wird. Es muss sich für alle kommerziell rentieren. Man sollte eigentlich die teuren Karten noch teurer und die günstigen noch günstiger machen. Außerdem muss man bedenken, dass z.B. in Wien die Preise nicht so hoch sind als in Deutschland. Dies hängt damit zusammen, dass es subventionierte Theater gibt und somit eine andere Preispolitik herrscht! Jedes Theater muss so kalkulieren, dass auch bei einem nicht ausverkauften Haus alle Kosten gedeckt sind. Das Musical „Wicked“ ist beispielsweise seinen Preis wert, da es einen sehr hohen Aufwand voraussetzt. Auch wenn bei einem Musical ein Orchester live begleitet, dann muss man bedenken, dass man über 30 Mann benötigt, alles Musiker, die Geld kosten, vom Personal und den Darstellern mal ganz abgesehen.

 MuT: Wie beurteilen Sie die immer kürzer werdenden Spielzeiten? Lohnt sich das für ein Theater überhaupt noch oder entstehen nicht auf Dauer immer mehr Kosten?

 

M.K: Die kurzen Spielzeiten sind nur bei Musicals wie „Tanz der Vampire“ oder „Elisabeth“ möglich – hier sind die Produktionen bezahlt und die Eintrittsgelder bringen Gewinne. Bei anderen Musicals sieht es deutlich problematischer aus.

MuT: Arbeiten Sie momentan erneut an einem Musical und dürfen wir uns zukünftig noch auf weitere Stücke von Ihnen freuen?

M.K: Projekte laufen zur Zeit durchaus – doch oftmals arbeite ich vier Jahre an einem Projekt, ehe es ein endgültiges Werk gibt. Konkretes kann ich Ihnen also zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten, dennoch wird es wieder etwas aus meiner Feder geben!

MuT: Gibt es noch bestimmte Themen oder Wünsche, die Sie realisieren möchten?

M.K: Mein Wunsch allgemeiner Art wäre, dass die großen Theater auch einmal jungen Nachwuchstalenten, also Autoren, eine Chance geben sollten. Die Nachwuchspflege kommt mir auf diesem Sektor entschieden zu kurz!

Ich helfe auf meine Weise öfters mit und unterstütze Projekte finanziell oder gebe Hilfe bei der Ausführung der Arbeiten.

Dies wäre eigentlich mein einziges Bestreben: Den Nachwuchs zu fördern!

Das MuT-Magazin bedankt sich auf`s Herzlichste bei Dr. Michael Kunze für das ausführliche Interview sowie beim Deutschen Theater München für die Unterstützung

Foto: Alexander Christoph Wulz

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)