Interview mit Enrico de Pieri

Interview mit Enrico De Pieri

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Am 19. Juli 2012 traf ich im MONTANAROs, schräg gegenüber vom Capitol Theater Düsseldorf, Enrico De Pieri zum Interview.

Von 1997 bis 2005 studierte der gebürtige Kieler Lied und Oratorium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Nach seiner Schulzeit auf einer Musikschule, so erzählte er, bewarb er sich an vielen Hochschulen und bekam auch einige Zusagen. Für Hamburg entschied er sich schließlich, weil er da einen guten Lehrer fand und wegen der Nähe zum Elternhaus. Während des Studiums ist er von einer Dozentin angesprochen worden, ob er denn nicht auch unterrichten würde und so kam es dann auch dazu.

Lied und Oratorium ist ein Studiengang, bei dem klassische Musikstücke im Mittelpunkt stehen. Und auch heute hört und singt er Klassik noch gerne. So wärmt er sich vor jeder Show noch unter anderem mit Liedern von Schumann auf. „Aber man muss eine Entscheidung treffen.“, sagte er. Letztendlich wendete er sich dem Genre Musical zu, weil es Schauspiel und Gesang vereint. Im Musical ist es möglich, dass Töne mal nicht so klangschön sein können, wenn das zur Situation der Rolle passt. Weitere Unterschiede zur Klassik sind seiner Meinung nach zudem die verstärkte Wichtigkeit des Textverständnisses und der Umstand mit einem Mikro zu singen. Eine Umgewöhnung, gab es für ihn nicht. „Für mich ist singen, singen – unabhängig vom Genre“, erklärte er. Er passt sich immer dem Stil des Stückes an; weil es einen Grund gibt, warum die Stimme so klingen soll, wie sie klingt.

Seine Entscheidung ist auf Musical gefallen, weil er diese Form des Musiktheaters schon immer sehr gerne gesehen und gemacht hat. Zudem empfindet er auch die Synthese der drei Kunstformen Schauspiel, Gesang und Tanz als sehr interessant. Nichtsdestotrotz geht er immer noch gerne in die Oper, könnte sich aber im Moment nichts darstellerisch in diese Richtung vorstellen – aber, da man nie weiß, was die Zukunft bringt, möchte er das auch nicht für immer ausschließen.

Er übernahm für Produktionen wie TANZ DER VAMPIRE, ELISABETH, ICH WILL SPASS und WICKED die stimmliche Betreuung der Darsteller. Dabei gab er die typischen Gesangsstunden (Stimmaufbau, –hygiene etc.) und war insbesondere als Coach in Vorbereitung auf die Rollen beschäftigt. In diesem Zusammenhang machte er die Covers für ihre Rollen fit. So bereitete er unter ganz vielen anderen Martin Markert, mit dem das MuT-Magazin auch die Backstage-Führung bei Elisabeth machen durfte und auch schon einige Interviews geführt hat, auf den Rudolf vor. (Aber das war nicht die erste Zusammenarbeit der beiden: Bereits an der Joop van den Ende Academy war Martin Markert sein Schüler gewesen.) Ebenfalls arbeitete er im Rahmen dessen mit Annemieke van Dam (Elisabeth) und Alice Macura (Fräulein Windisch, Elisabeth). Im Moment aber unterrichtet er nicht, weil er als Peter zeitlich sehr eingespannt ist und er „keine Sparversion“ seiner Gesangsstunden geben möchte.

Welche Rolle er in „Kein Pardon“ einmal spielen würde, konnte er sich vor dem Casting noch nicht ausmalen. Da es für ihn „wie einen spannendes Projekt“ klang, hat er sich krzerhand beworben. Als dann die Einladung zur Audition ankam, schaute er sich nochmal den Film an und da war ihm eigentlich schon klar, dass er nur für eine Rolle in Betracht kommen würde. Er war sich aber sicher, dass man für diese Rolle schon jemanden gefunden hätte, er ist dann aber trotzdem hingegangen.

Das Besondere an Peter ist für ihn der Umfang dieser Rolle. Da man als Peter bei 16 Nummern mitsingt und bei 36 von 40 Szenen auf der Bühne steht, ist diese Rolle auch schon dadurch interessant, weil es bei männlichen Rollen kaum eine Rolle gibt, die ähnlich groß ist. Ebenfalls eine Herausforderung ist die Kontinuität, die diese Rolle fordert. Eine Rolle bei der Premiere gut zu spielen ist das eine, die nächste Herausforderung ist aber dies auch über eine so lange Zeit kontinuierlich zu spielen. Fernerhin hat Enrico De Pieri das Buch begeistert. Den Text von Thomas Hermanns musste er gar nicht lernen, weil er sich für ihn so selbstverständlich angefühlt hat. Großartig empfand Enrico De Pieri ebenfalls die Zusammenarbeit mit Dirk Bach und dem Kreativteam von „Kein Pardon“.

Wer das Making Of gesehen hat (entweder auf der offiziellen Internetseite von „Kein Pardon“ oder auf dem YouTube-Kanal), dem wird aufgefallen sein, dass Thomas Hermanns die Rolle des Peter als Rock-Tenor bezeichnet hat. Dies bezog sich allerdings auf einen frühen Prozess in der Entstehung des Stückes. „Willkommen beim Fernsehen“ war zu Beginn höher und während den Proben waren verschiedene Fassungen entstanden und man hat sich dann schließlich auf die heutige Fassung geeinigt. Die CD ist in dem Entstehungsprozess relativ früh aufgenommen worden, sodass auch noch einige Textveränderungen zur heutigen Fassung stattgefunden haben. Enrico De Pieri als Baritenor singt heute einen Peter, der in der Literatur einen Stimmumfang vom G bis zum a1 erfordert.

An einem Freitag, den 13., wurde Enrico De Pieri von dem Team von „Verstehen Sie Spaß?“ reingelegt (Video ist auf YouTube auf dem entsprechenden Kanal zu sehen). Als ein fremdes Kind unvermittelt auf die Bühne rannte, dachte er zunächst, dass die gesamte Cast reingelegt werden würde. Erst nach dem Talkshow-Auftritt der Großeltern änderte er seine Meinung; allein er war das Opfer des Streiches. Aber er dachte sich: „Die Leute haben ja bezahlt und verdienen so die an dem Abend bestmögliche Show.“ Und so entstand einer der besten und unterhaltsamsten Beiträge der erwähnten Sendung. Es ist aber auch noch mehr passiert: Einmal fehlte der Glücksautomat und dann ist auch noch eine Tür abgeschlossen gewesen, was den Anfangsverdacht von Enrico De Pieri noch untermauerte.

Dass „Kein Pardon“ einen solchen Erfolg haben würde, war ihm zur Probenzeit noch nicht klar; aber schon beim ersten Durchlesen war er begeistert. Er empfand es ebenfalls als „gutes Zeichen“, dass er immer an der Entwicklung der Handlung interessiert gewesen war; ob beispielsweise Peter am Schluss wieder zu seiner Familie kommen würde. Darüber hinaus versicherte er: „Ich hab mich in der Rolle gleich toll gefühlt“. Peter ist auch „im Moment“ seine Lieblingsrolle. Es ist für ihn besonders interessant, eine Entwicklung zu spielen; auf einen flotten 1. Akt, folgt ein emotionsgeladener 2. Akt. Dieser Umstand ist natürlich in der protagonistischen Rolle des Peter besonders präsent. Diese Rolle ist auch „einer der bisherigen Höhepunkte“ seiner Karriere.

Sicherlich ist die angesprochene Umsetzung mit den kontrastierenden zwei Akten eine Stärke dieses Musicals und auch eine Besonderheit unter den momentan in Deutschland gespielten Stücken. Die Cast macht jede Vorstellung zu einem tollen und unterhaltsamen Erlebnis mit vielen „running gags“ (z.B. „Henne“ und „Lißbeth“ und die Tatsache, dass „unser Oma nachts mit dem Bollerwagen losgezogen is‘“ ), aber auch mit emotionalen Nummern (z.B.: „Kein Pardon“) und Szenen (Wiederkehr von Peter ins elterliche Haus nach seinem Rauswurf). Diesen Spagat, den mancher Stoff schon zerrissen hat, schafft „Kein Pardon“ in beeindruckender Weise mühelos und vor allem authentisch. Musikalisch kann man auch konstatieren, dass der Satz: „Entstanden ist eine furiose Mischung von Pop bis Polka, von Broadway bis Bottrop und eines ist sicher – es rockt.“ tatsächlich auch auf der Bühne eingelöst wird – und dies unter Wahrung der Showkontinuität.

Das Musical geht jetzt aber erst mal für die Wechseljahre-Revue „Heiße Zeiten“ ab dem 29. Juli in eine Pause und wird am 12. September 2012 wieder an gleichem Ort aufgenommen und Enrico De Pieri wird wieder als Peter Schlönzke auf der Bühne stehen. Karten sind vorerst bis Dezember erhältlich.

Nach der Sommerpause von „Kein Pardon“ wird das MuT-Magazin noch einmal über das neuste Entwicklungen berichten.

Philipp J. Kroiß

Enrico De Pieri mit dem Redakteur Philipp J. Kroiß

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)