Interview mit In Extremo

Interview mit In Extremo

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Die Band “In Extremo” galt lange Zeit als ein Geheimtipp der Musikwelt, mittlerweile jedoch reichen nur noch die größten Hallen der Städte, um die vielen Fans der Gruppe unterzubringen!

Die Musikrichtung lässt sich sehr schwer festlegen – man könnte meinen, dass es sich um eine Art Hard Rock, gepaart mit Mittelalterinstrumentierung, handelt. Doch wie der Name der Band schon passend sagt, alles ist bei dem Berliner Septett etwas anders und “extrem”…

 

Vor ihrem Konzert in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle hatten wir die Ehre, mit dem Harfe-Spieler “Dr. Piemonte” ein Interview zu führen:

 

MUT: Wie seid ihr auf den Namen In Extremo gekommen?

 

Den Namen wählte Micha, unser Sänger, aus. In Extremo stammt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie, “zu guter Letzt” oder “in Vollendung”. Der Name kann natürlich auch so gedeutet werden, dass wir eben in unserem Musikstil extrem sind – Mittelaltermusik zu machen, ist heutzutage nicht alltäglich.

 

MUT: Wie seid ihr auf die Idee gekommen auf Gälisch zu singen?

Wir setzen uns mit der gesamten europäischen Kultur auseinander, somit ist auch die Entscheidung, etwas auf Gälisch zu singen passend zu unserem Bandkonzept. Normalerweise wird auf Englisch oder Deutsch gesungen, für uns ist es aber wichtig, auch neue Akzente zu setzen und z.B. Altfranzösisch einzubauen. Jedes Lied hat eine ganz eigene Vibration dadurch und wir zu etwas Einmaligem.

 

MUT: Wie kamt ihr auf die Idee mit mittelalterlichen Einflüssen und Instrumenten zu spielen, z.B. eine Harfe einzubinden?

 

Ich spiele ja beispielsweise auch auf einem Santour, einer Art elektronischem, mittelalterlichen Hackbrett mit Gummisaiten, die in einem Trigger enden, ein Schalter für ein Midisignal und dieses Signal steuert einen Sampler an und man kann quasi darauf wie auf einem Hackbrett spielen.

 Die Idee, Mittelalter mit Rockmusik zu verbinden, kam ebenso von unserem Sänger Micha, da wir zur damaligen Zeit als rein akustische Mittelalterband auf Mittelaltermärkten auftraten. Nebenbei sang er bei einer Rockband und so kam die Verbindung zwischen den beiden Genres zu Stande. Eine Fusion, die durchaus funktionierte, wie unsere damaligen Experimente zeigten.

 

MUT: Wie habt ihr angefangen und wo hattet ihr euren ersten Auftritt als Gruppe In Extremo?

Unser erster Auftritt war auf einem Mittelaltermarkt, noch als reine Mittelalterformation. Die Musik begleitet mich jedoch schon mein ganzes Leben lang. Ich lernte als Kind klassische Querflöte und legte somit den Grundstein für alles Weitere. Bach, Beethoven, Brahms, alles gehört zu meinem Repertoire. Eine gute Ausbildung schadet bekanntlich nie etwas.

 

MUT: Was genau bedeutet der Titel eures neuen Albums Sängerkrieg?

Der Sängerkrieg an sich ist eine historisch belegte Tatsache und fand auf der Wartburg statt. Wir nahmen dies zum Anlass, um uns zu überlegen, wie heutzutage mit Künstlern umgegangen wird, in Zeiten von Casting Shows etc., wo Sänger manchmal wie der letzte Dreck behandelt werden. Man sollte jeden immer als Mensch betrachten, der Aversionen hat, sich kreativ zu betätigen und somit auch jeden mit Respekt behandeln. Das soll auch der Sängerkrieg aussagen, weil wir anfangs auch von bestimmten Bands angefeindet wurden. Es gibt da auch eine Textzeile im Lied: “Die Welt ist endlos wie man sieht, sie birgt nicht nur den einen Schatz, jeder singt sein eigen Lied, auf der Wartburg haben alle Platz!”. Das bringt die Lage gut auf den Punkt – den Umgang untereinander und miteinander!

 

MUT: Wie findet Ihr selbst das neue Album?

 

Es ist für In Extremo eine Evolution, eine Weiterentwicklung. Es gibt bei uns nie Stillstand. Wir versuchen uns vorwärts zu bewegen, etwas Neues zu entwickeln. Nicht alle Songs haben denselben Stellenwert. Für einige unserer Bandmitglieder gibt es Dinge, die sie stärker mit diversen Liedern in Verbindung setzen als andere. Das Album ist gelungen und das ist die Hauptsache!

 

 

MUT: Kommt das neue Album bei den Käufern gut an?

 

 

Ich denke, es kommt sehr gut bei den Fans an. In der ersten Woche stieg es direkt in den Media Control Charts auf Platz 1 ein und das spricht wohl für sich!

 

 

MUT: Weshalb hört man eure Songs dennoch nie im Radio?

 

 

Das hat mit der strategischen Struktur unserer Medienlandschaft zu tun, weil in den Sendern Intendanten sitzen, die ein knallhartes Diktat haben, was gespielt werden soll und was nicht. Wir können sehr froh sein, dass es Internet-Radios gibt und hier spreche ich auch im Namen vieler anderer Künstler, die auch ein Recht darauf hätten, gespielt zu werden.

 

 

MUT: Verdient Ihr durch das illegale Herunterladen der Lieder jetzt weniger als früher?

 

 

Ich habe Verständnis für jeden, der sich etwas aus dem Internet herunterlädt! Darum betrachte ich dies auch nicht als existenzielle Frage! Schon alleine, wenn man bedenkt, dass eine Neuveröffentlichung eines Longplayers oft bis zu 24 Euro kostet, was ich eine Frechheit finde! Wir haben darauf überhaupt keinen Einfluss, uns sind die Hände gebunden! Wobei ich denke, Musik sollte einen fairen und adäquaten Preis haben und das hat es leider nicht in Deutschland!

 

 

MUT: Wie viel fällt überhaupt für die Band vom Verkauf einer CD ab?

 

 

Das ist sehr schwierig zu sagen. Es wird prinzipiell über GEMA Tantiemen abgerechnet. Dazu gibt es einen Bandübernahmevertrag, das heißt, wir verkaufen einem Label, einer Plattenfirma das ganze Produkt zu einem Preis der Summe “x” und diese Plattenfirma verkauft dann alles weiter. Uns sind da die Hände gebunden. Einen Einfluss auf die Preise haben wir definitiv nicht! Der Trend wird zukünftig dennoch in Richtung Online Download gehen, außer den Fans, die gerne das Cover der CD etc. hätten.

 

 

MUT: Was ist dein Lieblingssong und welches Lied wurde zum bekanntesten Song der Band?

 

Das bekannteste Lied von uns ist “Vollmond” oder “Küss mich”! Jeder von der Band hat natürlich noch dazu seine eigenen Favoriten. Bei mir persönlich sind das “Sängerkrieg” und “Mein Sehnen”.

 

 

MUT: Was hörst du privat für Musik?

 

 

Das ist nicht in einem Wort gesagt. Ich bin jemand, der sehr offen ist für verschiedenste Musikrichtungen. So finde ich manche Schlager, die gut produziert sind, intelligente Texte und Aussagen haben, toll. Ich höre viel Klassik, moderne Popsongs oder Rockmusik. So bin ich nicht dogmatisch auf eine Musikrichtung fixiert. Wenn ich beispielsweise tagtäglich nur Punkmusik hören müsste, dann würde mir das extrem auf die Nerven gehen!

 

Man unterliegt bestimmten Stimmungen und dementsprechend höre ich Musik. Das kann auch mal ein Klavierkonzert sein!

 

 

MUT: Man kann Euch ja mittlerweile als moderne Spielleute bezeichnen, wie kamt ihr dazu so coole Bühnenshows zu machen? Wer von euch erfindet diese?

 

 

Erfunden hat sie niemand von uns. In Extremo setzen sich mit mittelalterlicher Spielmannskunst und Spielmannstradition auseinander und diese Spielleute waren damals so etwas, wie Nachrichtenüberbringer, also Botschafter ihrer Zeit. Sie zogen von Ort zu Ort und machten auf den Mittelaltermärkten ihre eigenen Shows, mit denen sie die Menschen beeindrucken wollten, ob nun durch bunte Kleidung oder Feuerspucken, Jonglage, mit exotischen Instrumenten. Und genau diese Traditionen sind Bestandteile einer In Extremo Show, die mit visuellen Effekten arbeitet.

 

 

MUT: Was war euer erfolgreichster Auftritt?

 

 

Mittlerweile haben wir weit über 1000 Konzerte gespielt! Das ist somit schwer zu beantworten. In Berlin sind die Auftritte immer großartig. Manchmal wird man aber auch im Ausland so herzlich aufgenommen, weil die Leute sich einfach freuen, endlich einmal ihre Band live zu sehen. In Moskau waren die Hallen ausverkauft, als wir spielten. Auf ein bestimmtes Konzert kann ich mich nicht festlegen!

 

 

MUT: Welcher Song ist der Emotionalste für dich und weshalb?

 

 

“Mein Sehnen”, wie vorhin schon einmal gesagt. Der Text trifft eine sehr doppeldeutige Aussage. Ich hatte ursprünglich dazu eine Video-Idee, die aufzeigt, wie die Band ein Boot baut und im selben Zuge der Refrain dann aufzeigt, was der Mensch alles erreicht hat in gut 2000 Jahren modernen Daseins. Da hätte ich dann gezeigt, wie der Regenwald abgeholzt wird, wie ein Bulldozer Baumstämme hinter sich herziehen, wie ein Hochwasser, wie damals in New Orleans, alles zerstört, alles bizarr ineinander gekettet, Man könnte den Text als zwischenmenschliche Liebesbeziehung sehen als auch die Zerstörung der Natur!

 

Für mich hat der Text eine Aussage großer Tragweite, die substanziell betrachtet den Wert hätte, wie Liebe, der Umgang mit unserer Umwelt und unserer Welt an sich!

 

 

MUT: Noch eine private Frage, wenn wir sie stellen dürfen, seid ihr verheiratet und habt ihr auch Kinder?

 

 

Ich habe eine 10jährige Tochter, die auch Musik macht und hin und wieder, in den Ferien, mit auf Tour kommt! Sie fährt auch manchmal mit, obwohl unser Leben doch nichts für Kinder ist! Es ist eher ein Nachtleben und durchaus stressig!

 

 

MUT: Habt ihr ursprünglich einmal andere Berufe gelernt?

 

 

Wir haben einen Bäcker und einen Schlosser unter uns. Ich hatte mit der Seefahrt zu tun und studierte Kybernetik, aber letztendlich ist die Musik geblieben und für diese Leben wir!

 

Text: Franziska Maier

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der “bdfj” Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V.

> Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

> Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung…)