Interview mit Karin Seyfried

Interview mit Karin Seyfried

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2004 führten wir unser letztes Interview als du damals, beim Musical „42nd Street“ als „Peggy Sawyer“ zu sehen warst. Danach standest du als „Elisabeth“ auf der Bühne und nun deine Rückkehr nach Stuttgart, in der „Moulin Rouge Story“. Viele fragen sich, was du in der Zwischenzeit alles erlebt und gemacht hast?

MUT: Ich war mit „Gaudi“ kurze Zeit auf Tour, dies war eine wunderbare Erfahrung für mich und ich traf viele interessante Menschen. Danach zog ich nach Hamburg und arbeitete in Stadttheatern. Dann spielte ich in Detmold „Singing in the rain“ und auch bei den Freilichtspielen in Tecklenburg, was ich sehr sehr schön fand, da ich zum ersten Mal überhaupt bei Freilichtspielen dabei war. Zuerst „Miami Nights“, dann „jekyll&Hyde“, danach spielte ich die Rolle des „Nannerl“ in „Mozart“ – es war einfach wunderschön. Leider war es oftmals sehr kalt. Tecklenburg ist bekannt dafür, dass es häufig regnet, aber ansonsten war es traumhaft. Sehr charmante Menschen kreuzten meinen Weg.

Und jetzt hatte es mich wieder nach Stuttgart verschlagen, was mich doch sehr freute, da ich in letzter Sekunde für die „Moulin Rouge Story“ einsprang. Der Autor und der Komponist sowie Intendant waren alle sehr glücklich, dass ich die Hauptrolle übernommen habe.

Jetzt kann ich auch die Stadt genießen. Als ich noch im SI Centrum spielte, kam ich kaum in die Innenstadt, doch nun ist das anders. Ich unternehme viel mehr, da die Optionen wesentlich größer sind. Auch dachte ich, dass es zu weit sei, in die Innenstadt zu fahren, doch es ist gar nicht so weit!

Moulin Rouge Story: Viele verwechseln die Aufführung mit der Filmfassung – wie würdest du die Story sowie deinen Bühnencharakter den Menschen beschreiben, die das Stück nicht sahen?

MUT: Gibt es wirklich Verwechslungen? Zum Glück habe ich das noch nicht erlebt, obwohl es auch unsere Angst zu Beginn der Show war. Es handelt sich ja um eine neue Story, mit anderer Musik. Das Publikum nahm die Show sehr gut an, wir sind ohne Ende ausverkauft und es war sehr problematisch, Karten zu bekommen!

Natürlich war es unberechenbar – Moulin Rouge steht für Freizügigkeit und ob das das Stuttgarter Theaterpublikum problemlos aufnimmt, war ungewiss.

Wir hatten auch einmal nach der Show ein Gespräch mit dem Publikum und auch hier kam ein extrem positives Feedback zurück.

Nun aber zum Inhalt: Im Endeffekt geht es um meine Geschichte. Ich bin mit einem tollen Mann verheiratet, habe ein wunderschönes Kind, ein tolles Haus, ich bin eine Gräfin und dennoch bin ich mit meinem Leben unzufrieden. Mein Mann hängt seiner ersten Frau nach und ist nicht voll bei mir. Das merke ich auch und fühle mich zurückgesetzt. Da ich immer schon tanzte, war dies meine Leidenschaft, doch mein Mann stößt mich immer zurecht und verbietet mir diese Liebe, da dies sich nicht für eine Gräfin schickt. Eines Abends führt er mich ins Moulin Rouge aus und ich bin so begeistert von dem Tanz, dem Ambiente, der Freizügigkeit. Eigentlich könnte ich jeden Tag dorthin gehen, doch mein Mann ist natürlich dagegen. Allerdings besuche ich das Moulin Rouge dann alleine und es zieht mich immer mehr in seinen Bann. Dann kommt der Tag meines 30. Geburtstags und mein Mann ließ mich wieder alleine und es kommt mir die Idee, dass ich doch im Moulin Rouge auftreten könnte, mit einer Maske, dass mich keiner erkennt.

So kommt es auch, dass ich zum Star der Show werde und mich in einen Maler verliebe. Jedoch traue ich mich nicht, diesen Schritt zu Ende zu machen, da ich meinen Mann und mein Kind zu sehr liebe. Solche Stories geschehen auch im richtigen Leben.

Letztendlich erwischt mich mein Mann und trennt sich von mir. So versuche ich mein Glück mit dem Maler, werde jedoch wieder enttäuscht und verlassen, habe aber einen sehr guten und engen Freund im Moulin Rouge, der mir hilft. Das Ende ist ein wenig offen, obwohl ich mich mit meinem Mann wieder vertrage und er mir wieder erlaubt, meine Tochter zu sehen. Und 20 Jahre später tritt diese dann als Star des Moulin Rouge dort auf, was mich irrsinnig stolz macht. Mein Mann meint dazu nur, dass die Zeiten sich ändern: „Die Flügel der Mühle drehen sich weiter!“ Man kann den Fortschritt nicht aufhalten – was die Zukunft betrifft, steht alles aber in den Sternen!

Auf der Bühne musst du mit einer Schlange agieren:

Musstest du dich überwinden, mit solch einem Tier zu spielen?

MUT: Es war eine wunderbare Erfahrung! Zur Sicherheit wusch ich mir vorher stets die Hände, damit ich nach nichts rieche. Die Schlange kam immer nüchtern, sie hatte eine Woche nichts zu essen und freitags gab es dann ihre geliebten Mäuse und Ratten. Einige der Mädels nannten sie July, genauso wie meine Bühnentochter hieß.

Manchmal ist die Schlange total aufgeregt auf der Bühne und sehr ruhig, manchmal aber auch das Gegenteil. Sie hat ein wenig Lampenfieber und es ist immer unberechenbar, jeden Abend.

Angst hatte ich keine, man muss sich eben immer auf alle Möglichkeiten einstellen!

Wie kann man sich die Proben mit einer Schlange vorstellen?

MUT: Die Schlange war bei den Proben bereits dabei. Wir näherten uns langsam an und im Endeffekt geht es sehr einfach. Vor der Show ging ich zu ihr hin, befühle sie, dann folgt der Auftritt und danach gebe ich sie wieder an meine Kollegin ab. Es ist ein ganz kurzer Auftritt für die Schlange. Aber ich glaube, der Schlange macht es Spaß und sie gewöhnt sich an uns Menschen!

Mit welchen Tieren würdest du nie arbeiten?

MUT: Ich würde keinesfalls mit Ratten arbeiten oder auch mit Mäusen. Anfangs dachte ich auch nicht, dass ich mit einer Schlange arbeite. Gut, ich sage niemals nie, aber mit Ratten würde ich doch viel längere Zeit brauchen, ehe ich warm werde und mit ihnen auftreten könnte!

Gibt es für dich Tabus, bei denen du eine Rolle ablehnen würdest?

MUT: Eigentlich wäre es ein Tabu für mich gewesen, oben ohne aufzutreten, doch diese Grenze habe ich bei der „Moulin Rouge Story“ schon überschritten. Ich war selbst überrascht, dass ich das gemacht habe. Aber mein Beruf ist dazu da, Grenzen zu überschreiten. Es ist vor allem stilvoll und nicht billig. Außerdem erkundigte ich mich im Vorfeld bei meinen Kollegen, inwiefern dieser Part aussieht. Ganz ausziehen wäre aber weiterhin ein Tabu. Viele Schauspieler müssen dies zwar auch machen, aber für mich wäre dies nichts. Wenn man noch etwas versteckt, ist es wesentlich schöner anzusehen. Für das Moulin Rouge passt es! Man denkt an oben ohne, an schöne Frauen, an schöne Körper! Hätte ich das nicht machen wollen, hätte ich auch jemand anderem die Rolle abgegeben. Dennoch habe ich hart dafür trainiert, um meinen Körper in Bestform zu bringen und um mich zeigen zu können.

Apropos Tabus, z.Zt. läuft wieder das RTL Dschungelcamp. Vergangenes Jahr gewann dein Kollege Ross Antony die Show und ist seither ein großer Medienstar.

Würdest du es in Betracht ziehen, bei derartigen Shows mitzumachen, um ebenso berühmt auf diesem Sektor zu werden?

MUT: Oh nein, ich finde das ganz schlimm. Zwar habe ich, als Ross mitmachte, ab und zu mal hineingeschaltet, doch für mich ist das nichts! Ich finde, dies ist für Menschen ein zweifelhafter Weg, einen Sinn in ihr Leben zu bringen. Die Zuschauer ekeln sich. Das ganze Programm hat sich in eine falsche Richtung entwickelt. Leider springen selbst meine Kollegen darauf an und die Fernsehbosse haben das schon richtig gemacht, dass sie mit solchen Konzepten Menschen ködern. Je mehr Menschen zuschauen, desto größer der Erfolg. Für mich ist dies aber definitiv nichts!

Manche Kollegen machten auch bei Popstars mit und wurden in der Vorrunde bereits herausgeworfen. Wie erklärst du die das?

MUT: Gut, das ist etwas Anderes. Solche Shows haben mit unserem Beruf noch mehr zu tun und wenn es einmal mein Traum gewesen wäre, selbst Popstar zu werden, dann hätte ich diese Chance genutzt. Man braucht in dieser Branche Publicity. Das wäre noch möglich gewesen, aber es war halt nie mein Traum. Heutzutage bekommt man allerdings sowieso nur noch aufgezwungen, was man singen soll. Es wird einem verboten zu sagen, dass man verheiratet ist oder einen Freund hat, da sich dann weniger CD´s verkaufen. Das wäre nichts für mich!

Hast du bereits einmal CD´s aufgenommen, um kommerziell Musik zu machen?

MUT: Ich habe noch nie eine eigene CD für die Öffentlichkeit aufgenommen, nur für meine Familie im privaten Rahmen, mit Weihnachtsliedern und privaten Sachen. Es war bisher nie so wichtig für mich, dass ich den Druck verspürte, unbedingt eine CD aufzunehmen. Doch sag niemals nie! Ich bin bei vielen Castaufnahmen drauf und darauf bin ich sehr stolz. Natürlich denke ich, dass ich einmal eine CD Aufnahme machen werde, doch dann ein Projekt, das einen roten Faden hat und nicht nur Songs, die die Leute hören wollen!

Was hältst du von dem neuen Trend dieser Compilation Musicals, die nur auf bekannte Hits aufbauen?

MUT: Im Grunde finde ich diese recht unterhaltend und lustig. Diese Musicals haben riesen Erfolg, ähnlich wie bei „Miami Nights“. Leider geht dieser Trend dazu, dass nur noch so etwas gemacht wird und darum fand ich auch die „Moulin Rouge Story“ so reizvoll, da es neue Musik ist, eine Story hat und wir Darsteller aktiv mitarbeiten konnten.

Diese neue Art von Musicals berühren mich nie! Es sind zwar supertolle Sänger, doch die Stories sind sehr dünn. Es ist eben Entertainment!

Damals fragte ich dich nach deiner Traumrolle und du antwortetest „Elisabeth“ –der Traum hat sich erfüllt: Kannst du das Gefühl beschreiben, wie du dich fühltest als du erfahren hast, dass du die Rolle hast?

MUT: Es war ein phantastisches Gefühl. Ich durfte die Alternierung spielen von meiner Kaiserin, meiner Sisi! Pia Douwes übernahm ja dann eine Zeit lang die Erstbesetzung, was mich sehr glücklich machte. 1992 spielte ich mit ihr zusammen die Weltpremiere, ich jedoch im Ensemble. Wir sind seit damals befreundet und es war eine so große Ehre für mich, mit ihr zu spielen! Sisi wird immer ein Teil von mir sein. Diese Rolle brachte mich soviel weiter, als Mensch, als Darstellerin, als Sängerin. Ich bin bis heute noch sehr dankbar, dass ich das machen durfte!

Pia ist übrigens ein ganz toller Mensch. Früher wollte ich immer so sein wie sie. Sie galt als Idol für mich, vor allem in der Hinsicht, wie sie mit den Kollegen umgeht, wie sie als Mensch ist, als Schauspielerin, als Sängerin…in dieser Hinsicht bin ich sehr dankbar, dass ich auch so wurde und ich hoffe, dass ich die Bodenhaftung niemals verlieren werde!

Das Alte Schauspielhaus gehört zu den renommiertesten Theatern der Region, fasst jedoch nicht so viele Personen, wie die Theater der SE. Welche Vor- und Nachteile haben Produktionen in Stadttheatern für dich? Merkt man auch Unterschiede beim Publikum?

MUT: Natürlich ist es schon mal ein Unterschied, ob 2000 Menschen applaudieren oder 600. Auch der Altersschnitt der Publikums ist höher. Aber ich merke, dass die Zuschauer sehr aufmerksam zuhören und vollen Herzens dabei sind.

Auch die Preise sind wesentlich humaner.

In die Kulissen und Kostüme wurde bei uns jedoch viel investiert, das stück ist schön anzusehen und somit wurde da auch nicht extrem gespart! Man bekommt also viel geboten für sein Geld!

Wie oft wechselst du im Stück die Kostüme?

MUT: In jeder Szene gibt es ein neues Kostüm. Vor allem wird stets neu kombiniert. Es ist fast wie bei „42nd Street“, da gab es extrem schnelle Wechsel und Umzüge. Gut, da war es auch noch etwas stressiger, da ich noch viel mehr zu tanzen hatte. Zwar muss ich bei M.R.S. auch tanzen, aber nicht so viel. Die Umzüge sind heftig!

In unserem Interview 2004 setztest du dir eine Grenze, was das Aufhören mit dem Tanzen angeht – stehst du noch zu dieser Aussage oder hat sich deine Meinung geändert?

MUT: Was den Tanz angeht, so mache ich mittlerweile schon viel weniger als früher. Nach „42nd Street“ folgten fast nur Gesangsstücke. Bei „Miami Nights“ merkte ich schon, dass ich meine Kondition wieder zu verbessern habe, da es mich anfangs doch sehr anstrengte. In „Singing in the rain“ war das Steppen wieder dabei. Aber insgesamt mache ich immer weniger. Ich trainiere eben täglich, mache eine Stunde vor der Show mein warm up und versuche, einfach gut auszusehen, neben den vielen jungen Tänzerinnen an meiner Seite!

Es fordert viel Disziplin!

Welchen Tipp würdest du allen geben, die ebenfalls Musicaldarsteller werden möchten?

MUT: Auf jeden Fall sollte man eine sehr gut Ausbildung machen. Ich trainierte an der Wiener Staatsoper Ballet, war an der Peter Weck Schule, hörte niemals auf, Gesangsstunden zu nehmen. Man ist nie fertig und sollte das auch niemals von sich denken. Immer an sich arbeiten, andere Kollegen gut beobachten und das Gute für sich selbst finden – sich treu bleiben!

Die Presse geht mit euch Darstellern oftmals sehr hart um, gab es schon Kritiken, die du ungerecht fandest?

MUT: Sicher gab es so etwas, aber meistens erlebte ich es, dass positiv über mich geschrieben wurde. Eines freute mich sehr, als ein Journalist schrieb, dass ich es vermochte, aus einer langweiligen Rolle etwas ganz Besonderes zu machen. Dieses Lob bedeutete mehr als viele Worte.

Was folgt nach der M.R.S und wo können wir dich wieder live erleben?

MUT: Erst einmal werde ich Ferien machen und danach abwarten, was die Zukunft für mich noch alles bereit hält! Aber eines ist sicher: Man kann mich wieder auf einer Bühne sehen und wenn es sich ergibt, kehre ich sehr gerne nach Stuttgart zurück!

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)