Interview mit Lilo Wanders

Interview mit Lilo Wanders

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MuT: War es für Sie

von Anfang an (von Kindesbeinen an) klar, dass Sie einmal in der Showbranche arbeiten möchten oder hatten Sie ursprünglich ganz andere Berufsziele?

L.W.: Ich habe Bibliothekswesen studiert und abgebrochen, als sich abzeichnete, dass ich wahrscheinlich nur in einer Fachbibliothek landen würde. Der Traum, Schauspieler zu werden, war aber immer da. Alles fing dann mit einer Wohnungseinweihungsfeier an, während der ich mich das erste Mal traute, Chansons vorzutragen.

 

MuT: Gab es in Ihrer Familie/Verwandtschaft Künstler, denen Sie nacheifern oder sind Sie die Erste, die in der Showbranche arbeitet?

L.W.: In gewisser Weise habe ich auch den Traum meiner Mutter erfüllt, die als junges Mädchen zur Bühne wollte, bei Schulaufführungen mitspielte und Unterricht nahm. Ansonsten stamme ich aus einer Familie von Kaufleuten.

MuT: In Ihrem Buch „Tja, meine Lieben“ beschreiben Sie die Lebensgeschichte von „Lilo“ – beruht das Geschriebene auf wahren Tatsachen oder sind hier einige fiktive Elemente eingebaut, damit es bewusst keine Autobiographie wird?

L.W.: Die Autobiographie von Lilo Wanders schrammt immer haarscharf an der Wirklichkeit entlang, ist aber bis Kapitel 8 eher erfunden als wahr.

MuT: Sie schreiben ebenso in dem Buch, dass die Schule für Sie ein totales Negativerlebnis darstellte – entspricht dies der Wahrheit und falls ja, welche Erlebnisse führten zu dieser Einstellung?

L.W.: Ich hatte tatsächlich ein ziemliches Schul-Trauma. Zunächst galt ich wegen meiner frühen Allgemeinbildung als sehr begabt, alles fiel mir zu, ich konnte vor Schulbeginn lesen usw., dann habe ich aber verpasst zu lernen wie man lernt. Die Jahre auf dem Gymnasium waren eine Katastrophe und ich kam nur wegen der guten Noten in Deutsch, Geschichte und Sozialkunde durch, blieb aber auch zweimal sitzen. Schließlich hat man mich mit der geschenkten Versetzung in die 13. Klasse aus der Schule entlassen. Durch eine ungeschickte Bemerkung gegenüber meinem Englisch-/Französischlehrer, dass ich von seinem Verhältnis mit einer Schülerin wusste, brachte der mich im letzten Jahr in beiden Fächern auf 5. Egal, das ist lange her. Mit einem spektakulären Auftritt bei einem Schulball habe ich das Kapitel das Schule für mich abgeschlossen.

MuT: Wenn man genauer liest, stellt man fest, dass Sie anscheinend einen großen Drang nach Freiheit besitzen und Zwänge sowie Konventionen verabscheuen. War dies unter anderem auch die Ursache, dass Sie sich entschieden, als Lilo Wanders aufzutreten und durch diesen Charakter die Missstände indirekt ironisch anprangern?

L.W.: Wenn Sie mich so fragen: Nein. Lilo Wanders ist eine Figur von über 20, die ich im Laufe der Zeit kreiert und gespielt habe. Erst durch die Moderation von „Wa(h)re Liebe“ traten all die anderen in den Hintergrund, was ein bisschen bedauerlich ist.

MuT: Eben wurde es bereits erwähnt: Der Charakter Lilo Wanders ist ja eine von Ihnen kreierte Persönlichkeit. So wurden Sie auch dem Publikum bekannt. Wie viel von „Lilo“ entspricht Ihrem persönlichen Naturell oder kann man sagen, dass Lilo mittlerweile Ernie Reinhardt zu 100 Prozent entspricht?

L.W.: Es gibt drei Fassungen von Lilo Wanders. Zunächst war sie eine Parodie auf die Schauspielerin und Sängerin Evelyn Künneke in einem Theaterstück namens „Blaue Jungs“ im Schmidt-Theater in Hamburg. Die zweite Fassung von Lilo Wanders war die Co-Moderation in der „Schmidt-Mitternachts-Show“ als behaupteter uralter und gelifteter Ex-Star. Erst mit „Wa(h)re Liebe“ wurde Lilo zu einem „echten“ Menschen. So gesehen bin ich inzwischen mit mir selber deckungsgleich und vertrete in der Rolle meine eigenen Ansichten und Weltanschauungen.

MuT: Vorbild für Lilo Wanders war ja (laut diversen Quellen) die Sängerin und Schauspielerin Evelyn Künneke – verehrten Sie diese Dame so sehr, dass Sie Sie deswegen als Leitbild für Ihre Figur nahmen oder welche Gründe gab es wirklich für Sie?

L.W.: Künneke war eine bemerkenswerte Person mit großem sängerischem Talent und einer langen Karriere mit vielen Auf – und Abs. Die Tochter des Komponisten Eduard Künneke wuchs in ungeheurem Reichtum auf und blieb ihr Leben lang ein verwöhntes Kind. Darüber hinaus hatte sie einen glasklaren Verstand, was sie aber nicht daran hinderte, viele angebliche Ereignisse in ihrem Leben zu erfinden und zu erzählen. Eine faszinierende Person, wenn man sich auf Abstand hielt. Grundlage der ersten Wanders-Fassung war ein Interview, das ich mit ihr geführt hatte, und während dessen sie sehr schlecht gelaunt über ihr Leben schwadronierte. Jahre später, als ich eine Figur für das Stück „Blaue Jungs“ brauchte, nahm ich dieses Interview als Grundlage für die Rolle. Noch viel später waren wir dann befreundet und nach ihrem Tod 2001 habe ich ihr einen ganzen Theaterabend gewidmet („Die Mythomanin“).

MuT: Dem breiten Publikum wurden Sie durch die TV Sendung „Wa(h)re Liebe“ bekannt. Wie kam es dazu, dass Sie hier die Position als Moderatorin übernahmen – wurden Sie gezielt angefragt?

L.W.: Im Frühjahr 1994 wackelte der Sender VOX und die Sendung „Liebe Sünde“ wechselte zu PRO 7. Dadurch war am Donnerstag von einer Woche zur nächsten ein Sendeplatz frei. Am Montag wurde ich gefragt, ob ich als Lilo Wanders die Moderation eines Unterhaltungsmagazins zur Sexualität übernehmen wolle. Ich sagte erst ab, weil ich in den Endproben zu einem Theaterstück war, ließ mich dann aber doch überreden. Am Dienstag setzte man mich unter Alkohol, drückte mir einen Zettel mit Fragen in die Hand, schob mich in ein Studio, wo ich Dolly Buster traf – von deren Existenz ich keine Ahnung gehabt hatte – die Sendung wurde aufgezeichnet und fortan hatte ich einen neuen Job und war zumindest die erste Zeit immer etwas angeschickert auf Sendung.

MuT: Sie sind u.a. Buchautorin, Moderatorin, Schauspielerin – also ein Allround-Talent. Auf welchem Gebiet fühlen Sie sich persönlich am wohlsten?

L.W.: Mir macht alles Spaß, was zu meinem Beruf gehört. Ich stehe gern vor Publikum, obwohl ich vorher von schlimmen Lampenfieber gebeutelt werde; ich spiele gern ganz andere Charaktere ( z.B. den Conferencier in „Cabaret“ oder „Marlene“ in einer Inszenierung an der Oper in Mannheim); und ich quäle mich am Schreibtisch schreibend, um dann glücklich über das Ergebnis mit mir zufrieden allein zu sein.

MuT: Stört es Sie manchmal, dass man Sie immer noch gezielt mit der Erotikbranche in Verbindung bringt (durch Ihre Moderation und auch Ihre Bücher), obwohl Sie schon in vielen anderen Metiers tätig waren ?

L.W.: Es ist mehr Segen als Fluch, Lilo Wanders zu sein. Natürlich wäre es schön, auch andere Seiten zu zeigen, aber ich bin nun mal auf die Rolle der Sextante festgelegt. Ganz ehrlich, ich wundere mich oft, warum keiner der Fernsehschaffenden auf die Idee kommt, mich als Talkmasterin einzusetzen.

MuT: Gibt es noch heute Situationen, in denen Sie spüren, dass manche Menschen Ihnen mit starken Vorurteilen gegenüber treten? Und wie reagieren Sie dann darauf?

  

L.W.: Ich habe das große Glück, dass mir im Grunde alle Menschen freundlich gesonnen sind. Natürlich gab es im Laufe der Jahre einige wenige Anfeindungen, aber so was gleitet an mir ab.

MuT: Wie verbringen Sie Ihre knapp bemessene Freizeit? Gibt es einen bestimmten Ausgleich zu Ihrem stressigen Beruf?

L.W.: Ich lese sehr viel zur Entspannung und ich fräse mich gern durch meinen Garten. Gartenarbeit hinterlässt selten sofort sichtbare Spuren, ist für mich aber ungeheuer befriedigend.

MuT: Welche neuen Projekte gibt es in Kürze bei Lilo Wanders?

 

L.W.: Im Oktober erscheint ein Buch, das ich gemeinsam mit Erika Berger geschrieben habe, und mit der ich im Herbst auf Lesereise gehe. Darüber hinaus bin ich viel auf Tournee mit meinen beiden aktuellen Programmen „Sex ist ihr Hobby“ (ein kabarettistischer Nachschlag auf „Wa(h)re Liebe“) und „LiebesLeben“, meinem Abend zum 20jährigen Bühnenjubiläum als Lilo Wanders. Und eventuell wird meine Lesereihe mit erotischen Stellen aus der Weltliteratur „Pulsschlag, tief in ihr“ in Susis Showbar in Hamburg auf St.Pauli fortgesetzt. Zumindest die Veranstaltungen im September sind sehr gefragt und machen viel Spaß.

 

MuT: Was würden Sie jungen Menschen/Schülern raten, die einmal ins Showgeschäft einsteigen wollen? Gibt es gewisse Ratschläge, die man, Ihrer Meinung nach, befolgen sollte?

L.W.: Man sollte sich darauf einstellen, dass Talent nur einer von mehreren Grundbausteinen für diesen Beruf ist. Mindestens ebenso wichtig ist Fleiß, Begeisterung, Durchhaltevermögen und Glück. Es muss in erster Linie um die Freude an der Arbeit und eine Art von Berufung gehen. Darin liegt die Erfüllung, nicht in der großen Karriere.

 

MuT: Wie lange möchten Sie noch aktiv auf der Bühne stehen als Lilo Wanders – haben Sie sich hier ein Limit gesetzt, wann es Zeit ist, aufzuhören oder möchten Sie es beispielsweise wie Johannes Heesters handhaben, der noch mit 105 auf der Bühne steht?

L.W.: Solange ich denke, dass die Leute mich sehen mögen, und solange mir etwas einfällt, werde ich wohl immer weiterarbeiten. Außerdem trennt mich von Johannes Heesters mehr als ein halbes Jahrhundert, bitteschön. Bleibt also noch viel Zeit für Neues.

 

 

MuT: Gibt es noch Wünsche/Ziele in Ihrem beruflichen Leben, die bisher noch nicht erfüllt wurden, falls ja, dürfen wir erfahren, welche?

 

L.W.: Vieles in meinem Leben ist ungeplant geschehen und so lasse ich mich überraschen, was noch kommt. Also kann ich gar nicht konkret antworten.

 

Text: Franziska Maier

Fotos zur Verfügung gestellt von Lilo Wanders

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)