Interview mit Magier Horst Reutter

Interview mit Horst Reutter

reutter

1. Herr Reutter, auf Ihrer Homepage www.horst-reutter.de steht, dass Sie seit über 25 Jahren Zauberkünstler  aus Leidenschaft sind. War es denn von klein auf bereits Ihr Wunsch, die Menschen zu unterhalten oder hatten Sie ursprünglich andere Berufswünsche?

HR: Das Virus der Zauberei hat mich schon als kleines Kind ergriffen. Als sechsjähriger bekam ich einen Zauberkasten geschenkt und es folgten Auftritte im Kreise der Familie, die ich voller Begeisterung absolvierte. Danach gab es eine Pause und die Zauberei wurde sozusagen bei mir unterbrochen. Mit 14 oder 15 ging es dann weiter und ich zeigte und begeisterte mich vorwiegend für Kartentricks. Zum magischen Zirkel Stuttgart kam ich erst relativ spät, nämlich mit 22. Zuerst war ich dort als Gast, 1976 wurde ich dann offiziell aufgenommen. Aber es war schon immer so, dass die Zauberei einen großen Stellenwert bei mir eingenommen hat, obwohl ich von Beruf wer eigentlich etwas völlig anderes mache.

Ich betreibe die Zauberei als Semi-Profi, was natürlich den Vorteil hat, nicht alle Engagements annehmen zu müssen, da ich nicht ausschließlich davon leben muss. Denn leider gibt es auch negative Erlebnisse bei Auftritten, zum Beispiel Kindernachmittage in Bierzelten, die ich wenn möglich als Zauberer einfach vermeide.

Ich kann sagen, dass die Zauberei wirklich meine Leidenschaft ist, da ich diesen Bereich von klein auf verfolge und mich auch stets dafür interessiert habe. Ich sehe mir auch gerne Kollegen an, also andere Zauberer, besuche viele Veranstaltungen, war in Amerika und habe mir die großen Shows angesehen und lerne auch von diesen Anregungen.

 

2. Gab es denn einen bestimmten Auslöser oder ein Schlüsselerlebnis, welches Sie der Magie näherbrachte?

HR: An sich waren es genau eine dieser Zauberveranstaltungen, von denen ich eben sprach. Allerdings liegen diese auch schon 30 Jahre zurück. So kam es auch vor, dass ich während eines gemeinsamen Urlaubs mit meinen Eltern im Schwarzwald eine Zaubershow besuchte und dies war so mein Schlüsselerlebnis, was mich auch anspornte, selbst in deren Fußstapfen zu treten. Es gab Zauberer, die abendfüllende Programme gemacht haben, aber auch Shows, in denen verschiedene Zauberkünstler aufgetreten sind.

Am Anfang faszinierten mich die großen Bühnen Shows und Illusionen mehr, so trat ich auch gemeinsam mit meiner Frau als Illusionist auf. Dies praktizierten wir bis Mitte der achtziger Jahre, bis dann unsere gemeinsame Tochter geboren wurde. Erst dann hat sich alles eher verändert in den Close up und Stand Up Bereich. Close up bedeutet nahe bei den Zuschauern zu zaubern, während Stand up etwas distanzierter ist, aber dennoch relativ nah, wie bei den Kleinkunstbühnen eben. Am meisten macht es mir dabei Spaß, direkt mit dem Publikum zu interagieren. Dies ist sowohl für den Zuschauer als auch für den Magier höchst interessant. Die Kommunikation ist spannend und etwas besonderes, dies macht unheimlich viel Spaß!

3. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt?

HR: Die Zauberei war zu meiner damaligen Schulzeit nicht so besonders angesagt. Mein erster Auftritt war tatsächlich zuhause, es waren auch Freunde dabei, ich glaube, es war mein achter oder neunter Geburtstag, an dem ich eine Zaubershow vorbereitete. Also die erste halb öffentliche Show mal die nicht nur für Familienmitglieder war, sondern eben auch für Freunde. Ich führte natürlich Dinge aus dem Zauberkasten vor, wobei ich die Zauberkästen damals, als in den sechziger Jahren, qualitativ wesentlich besser fand, als die, die es heute gibt. Tricks, die darin enthalten waren, könnte man auch heute noch vorführen. Also nicht alles, sondern nur ein bis zwei Dinge, die wirklich verblüffend sind.

Als ich dann älter wurde, also eben 13 oder 14 Jahre, führte ich überwiegend Kartentricks vor, auf die ich mich speziell eingeschossen habe. So trat ich damit bei Verwandtschaft, Geburtstagen, bei Vereinen, bei Clubabenden.

 

4. Muss man für die Tätigkeit als Zauberkünstler ein besonderes Talent mitbringen oder kann dies jeder erlernen?

HR: An sich kann jeder Zauberkünstler werden, egal wie alt er ist. Allerdings ist es natürlich vorteilhafter, wenn man in jungen Jahren mit dem Training beginnt. Man muss viel Fingerfertigkeit lernen, viele Griffe beherrschen und viel, viel üben. Und das ist natürlich in jüngeren Jahren einfacher als mit 30 oder 40 Jahren. Ausschlaggebend für mich ist aber das Interesse, und dass man von diesem Virus der Zauberei befallen sein muss. Man muss an seiner Originalität arbeiten und seinen eigenen Weg finden.

 

5. Ein Kollege von Ihnen sagte einmal, dass eigentlich jeder Zauberkünstler am besten auch Schauspielunterricht nehmen sollte, dazu noch Sprechunterricht und evtl. noch Tanz, bezgl. Der Bühnenpräsenz. Was sagen Sie zu dieser Aussage? Sind Sie derselben Meinung?

HR: Es kommt ganz darauf an, was man auf der Bühne machen will. Wenn man auf einer großen Bühne auftreten will, ist es sicherlich hilfreich, Schauspieltraining und vor allem Sprechtraining zu haben. Auch ich habe anfangs Sprechtraining belegt. Für die Bühnenpräsenz ist dies sicher wichtig. Je nachdem, welche Richtung der Zauberei man vertritt, kann auch z.B. Tanztraining erforderlich sein.

Im Close Up oder Stand Up Bereich, ist die Schauspielerei aus meiner Sicht eher nicht so wichtig. Dort ist es wichtig, sich selbst authentisch zu präsentieren – so wie man ist. Die Leute wollen in diesem Bereich nicht eine künstliche Showfigur sehen, sondern unterhalten werden, authentisch und echt.

 

6. Sie gelten als sehr vielseitiger Zauberkünstler und bieten auch diverse Programme für unterschiedlichste Anlässe an. Es wäre schön, wenn Sie unseren Lesern einen Einblick in Ihre Tätigkeit geben könnten und was beispielsweise der Unterschied ist zwischen Party/Stand-up, Close Up und Mentalmagie!?

HR: Ich praktiziere die Zauberei am liebsten ganz nahe beim Publikum, also Close Up wie wir Zauberer sagen. Ich bin also nicht der Zauberer, der in großer Distanz zum Publikum auf einer Bühne steht. Neben der Close up Zauberei, führe ich auch gerne bei Veranstaltungen im kleinen Kreis vor. So bei Geburtstagen, Hochzeiten oder auch Kleinkunsttheatern, wo immer noch ein direkter Draht zum Publikum besteht. Dies ist die Art, wie ich meine Zauberkunst präsentiere.

Mentalmagie ist hingegen eine Sparte der Zauberkunst, so wie z.B. Großillusionen, Allgemeine Magie oder Kartenzauberei. Sie alle haben ihre Besonderheit.

Bei der Mentalmagie geht es darum, unerklärliche Dinge wie z.B. Vorhersagen oder übersinnliche Phänomen dem Publikum zu präsentieren. Ich sage dem Publikum dabei immer ehrlich, dass es aus meiner Sicht keine übersinnlichen Phänomene gibt und ich auch nicht übersinnlich begabt bin. Dennoch habe ich im Laufe der Jahre die Erfahrung gemacht, dass sich irgendwo Antennen habe, die ich für diese Art der Zauberei einsetze und nutzte. Dazu kommt eine Menge Lebenserfahrung und ein wenig Psychologie.

Ich versuche immer, meine Zauberkunst, auch die Mentalmagie, lustig aber authentisch rüberzubringen. Auch Mentalmagie kann für mich sehr unterhaltsam sein.

 

7. Entwickeln Sie Ihre Illusionen selbst und falls ja, wie lange dauert es, bis ein spontaner Gedanke für eine Show zu einem richtigen Showact gereift ist, bzw. umgesetzt wurde?

HR: Wir alle hassen es, wenn gegenseitig Tricks geklaut werden, das ist sehr verpönt. Darum entwickelt man natürlich selber eigene Tricks. Allerdings gibt es in der Zauberei nur eine bestimmte Anzahl von Effekten, auf die man zurückgreifen kann: man kann z.B. etwas erscheinen lassen, etwas verschwinden oder schweben lassen, etwas zerstören, es wieder heil zaubern…. Es gibt eine begrenzte Anzahl solcher Effekte, genauso wie es bei der Musik nur acht Töne gibt, zählt man die schwarzen Tasten der Halbtöne noch hinzu, dann 13. Und diese Töne werden ja auch zu immer neuen Melodie zusammengesetzt.

Genau so ist dies auch in der Zauberei. Als erstes benötigt man immer eine Idee, was möchte ich den Menschen zeigen? Was soll der Effekt sein? Dann kommt die Frage, wie kann ich das für die Zuschauer passend umsetzen? Für den Zuschauer ist – wie bei der Musik, um in dem Bild zu bleiben – nicht interessant, welche Technik benutzt wird, für ihn zählt nur der Effekt, den er sieht oder wahrnimmt – wie bei der Musik das Musikstück!

Als Zauberer muss ich mir die Technik überlegen und da greife ich auf die langjährige Erfahrung zurück, und natürlich auf die vielen Bücher, die ich bisher gelesen habe. Wenn man sich dann noch mit Zauberkollegen austauschen kann, die einem ein erstes Feedback geben, ist das super.

 

8. Nun beinahe dieselbe Frage, doch nun in Bezug auf eine ganze Bühnenshow – wie lange dauert es, bis das Konzept für eine abendfüllende Show steht?

HR: . Eine Show von Grund auf zu entwickeln, dauert lange. Natürlich ist das unterschiedlich, aber mindestens ein Jahr – oft auch länger – muss man rechnen, bis eine Show bühnenreif ist, alles wirklich stimmt einschließlich der Dramaturgie. Man kann ja nicht nur Tricks aneinanderreihen.

 

9. Sie traten in den vergangenen Jahren bereits bei Bällen, Tagungen, Messen, Kongressen oder auch Kreuzfahrten auf. Haben Sie einen persönlichen Favorit, was Ihre Auftrittsorte anbelangt und falls ja, weshalb?

HR: Das hat sich im Laufe der Jahre verändert. Am liebsten mache ich Kleinkunstabende wie nächste Woche im LIMA. Zu einer solchen Veranstaltung kommen nur die Zuschauer, die auch Zauberei sehen möchte und das ist ein großer “Heimvorteil“.

Auf einem Kreuzfahrtschiff sind Sie dagegen einer von vielen. Es gibt Tänzer, Sänger, Jongleure, Bauchredner usw. Dort werden sie dem Publikum sozusagen vorgesetzt. Dies trifft im Übrigen auch für andere Veranstaltungen wie z.B. Betriebsfeste zu.

Bei Messeveranstaltungen ist es wieder anders. Da geht es oft nicht darum, die Menschen zu unterhalten, sondern eher darum sie zu den einzelnen Messestand zu “locken“. Dies ist eine völlig andere Art der Zaubervorstellung und man wird gezielt für diesen Zweck eingesetzt. Es geht nicht primär um Unterhaltung oder Zauberkunst, sondern eher darum, dass es an diesem Stand eine kleine Sensation gibt und die Menschen angezogen werden.

Es sind also alles ganz unterschiedliche Dinge, die ich bisher erlebt habe und die man nicht miteinander vergleichen kann. Und dennoch machte mir alles auf seine Art und Weise Freude.

 

10. Zauberer sind meistens extrem logisch denkende Menschen und Perfektionisten – trifft das auch auf Sie zu?

HR: Rational und logisch denken, ja! Ob das allerdings wieder Zauberei etwas zu tun hat, diesen Gedanken habe ich mir bisher so noch nicht gemacht. Ich kenne auch chaotische Kollegen, die unheimlich kreativ und sehr gute Zauberer sind. Ich kenne natürlich auch viele Perfektionisten die in ihrer Zauberkunst sehr, sehr genau und akribisch sind. Letztendlich denke ich von beidem etwas – also Chaot und Perfektionist – kann absolut nicht schaden.

 

11. Das Thema der übersinnlichen Phänomene kommt bei den Zuschauern immer sehr gut an. Glauben Sie daran, dass es Übersinnliches gibt oder sind Sie hier strikt dagegen eingestellt und denken rational?

HR: Nicht nur mir passiert ab und zu, dass sich an eine Person denke und im nächsten Moment klingelt das Telefon und diese Person ist tatsächlich am Apparat. Also was ist das jetzt Zufall oder Übersinnliches?

Allerdings glaube ich nicht daran, dass Zauberer, wie sie von sich behaupten, Kontakt zu Toten haben oder mit ihnen Kontakt aufnehmen können. Dies halte ich für Humbug. Auch dieser ganze Hype um Uri Geller ist für mich nicht nachvollziehbar. Natürlich gibt es Menschen, die sehr sensibel sind und sehr starke Antennen haben und dies auch in ihre Zauberkunst einbringen können. Aber es gibt natürlich auch genau das Gegenteil, die Unsensiblen, die gar keine Stimmung aufnehmen können. Jeder Zuschauer sollte deshalb selbst entscheiden, was er davon glaubt und was nicht.

 

12. Was würden Sie jungen Menschen raten, die auch den Wunsch haben, professioneller Zauberkünstler zu werden?

HR: Das Wichtigste an sich ist eines: Man muss üben, üben, üben! Und man muss übermäßig großes Interesse und große Liebe für die Zauberkunst mitbringen. Denn nur wenn ich Spaß und Interesse an etwas habe und etwas wirklich will, wird es mir auch gut gelingen.

Wenn ich beispielsweise als Kind zum Geigenspiel gezwungen werde, dann werde ich dieses Instrument wahrscheinlich nicht richtig lernen. Macht es mir allerdings Spaß, werde ich sicherlich ein guter Geiger.

Wenn ich die Begeisterung bei den jungen Menschen, die eine Sitzung unseres Magischen Zirkels besuchen sehe, dann freut mich das sehr. Wenn diese allerdings nur vorbeikommen um zu sehen, wie manche Tricks funktionieren, dann sind sie fehl am Platz. Das A und O ist die Begeisterung und wenn diese vorhanden ist, dann ist auch jeder bereit zu üben.

13.  Dachten Sie schon einmal bei einer Show, wie „Das Super Talent“ mitzumachen? Hierbei muss man ja nicht ausschließlich ein Sänger sein, auch Mentalisten oder Hypnotiseure traten bereits an.

HR: Nein, denn ich habe mit diesen TV Sendungen grundsätzlich ein Problem. Es geht nicht so sehr um die Künstler, sondern nur um den Kommerz. Bei einigen Kollegen hat man ja gesehen, wie schwierig es ist, Zaubertricks gut im Fernsehen zu präsentieren. Bei diesen Shows wird von Folge zu Folge mehr erwartet. Der Kandidat muss sich steigern. Das ist natürlich bei Sängern kein Problem, aber bei Zauberern und übrigens auch bei anderen Artisten ist dies schwierig.

Zauberei und Fernsehen ist leider eine schwierige Kombination. Beim Fernsehen ist es nämlich nicht üblich, ständig ein Objekt oder eine Einstellung zu zeigen. Man filmt mit verschiedenen Kameras und es wird hin- und hergeschnitten, was bei vielen Fernsehsendungen ja auch gut ist. Einen Trick macht es aber kaputt und er wird zerstört. Daher stehe ich diesem Medium eher kritisch gegenüber und bevorzuge die Live Auftritte vor Publikum.

14.  Kommen wir nun noch zu Ihrer Freizeit – die Zauberkunst ist Ihre Leidenschaft, die sicherlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Doch haben Sie noch Zeit für andere Hobbies, die mit der Zauberkunst nichts zu tun haben?

HR: Bei mir zuhause liegen meistens irgendwo auf dem Tisch ein bis zwei Kartenspiele oder wenn ich lese, dann vorwiegend natürlich Literatur über die Zauberei und keine Romane. Auch in den Urlaub nehme ich lieber Zauberbücher mit. Die Zauberei ist also auch in meiner Freizeit präsent. Seit vielen Jahren allerdings mache ich auch Musik, früher spielte ich auch Gitarre in einer Band und begann vor sechs Jahren wieder mit dem Klavierspielen. Ich schwimme außerdem sehr gerne.

 

15. Für die Leser, die nun neugierig wurden und Sie gerne auch live erleben möchten stellt sich die Frage, wo Sie in nächster Zeit zu sehen sein werden und gibt es Wünsche oder Projekte, die Sie unbedingt in Zukunft noch realisieren wollen und falls ja, welche?

HR: Ich bin ein oder zweimal im Jahr im LIMA in Esslingen, aber auch bei anderen Veranstaltungen, die der Magische Zirkel Stuttgart durchführt zu sehen. An dieser Stelle möchte ich aber auch für eine ganz besondere Zauberveranstaltung, das Festival der Illusionen, das mir sehr am Herzen liegt, gebührend Werbung machen. Es findet jedes Jahr im Januar in Sindelfingen statt und ich bin einer der Organisatoren. Mittlerweile sind wir im zwölften Jahr und es werden jedes Jahr hervorragende Zauberkünstler präsentiert und eine  großartige Shows gezeigt.

Ansonsten bin ich bei vielen Einzelveranstaltungen das Jahr über verteilt unterwegs und ich möchte einfach den Bereich der Kleinkunstbühnenauftritte für mich erweitern, was aus Zeitgründen für mich leider nicht immer einfach ist.

 

Interview: Franziska Maier

Fotos: http://www.destino-magic.de/

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)