Interview mit Michael Wendler

Kreischalarm und fliegende Unterwäsche in der Viersener Festhalle – Michael Wendler im Interview

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Die Festhalle bebte als sie von den mehr als 1200 Besuchern gestürmt wurde. Viele Höhepunkte hatte die Veranstaltung der GVK zu bieten, aber das unbestrittene Highlight des Frühschoppens war der Auftritt von Michael Wendler. Der 45-Minütige Show des gut aussehenden Sängers brachte die Halle zum Kochen und selbst Justin Bieber oder Tokio Hotel wären wohl neidisch bei den vielen Blumen, Plüschtieren und edelster Spitzenunterwäsche, die von anwesenden und meist kreischenden Zuschauerinnen auf die Bühne geworfen wurden.

Nach seinem schweißtreibenden Gig traf ich Michael Wendler in seiner Umkleidekabine. Ich muss zugeben einen anderen Wendler erwartet zu haben. Mir schwebte das Bild eines sehr von sich überzeugten Typen vor Augen. Der aus dem Fernsehen, eben der Sprüche von sich gibt wie: „Ich bin ne geile Sau!“. Ja, ich hatte Vorurteile, aber der charmante und sehr smarte Mann der mich begrüßte ließ mich gleich daran zweifeln dass ich tatsächlich richtig lag.

„Magst du ein Glas Champagner?“ fragte er und operierte dabei den Korken aus der Flasche. „Ich trinke normalerweise kein Alkohol nur…“

Nur bei Interviews?

„Ja, genau um mir Mut anzutrinken.“ lachte er. „Die Leute denken immer, dass Backstage richtig was los ist und wir exzessiv Partys feiern, aber eigentlich ist es total langweilig.“

Es sei denn die Presse kommt?

„Genau!“

Warst du schon mal in Viersen.

„Mit Sicherheit. Ich bin ja früher im großen Stil durch die Dicotheken gegangen. Und gerade in so nem Budgetrahmen in dem man oft in solchen Location gebucht wurde. Dann wurde meine Gage irgendwann höher und so hat sich das dann auf Stadthallen und Festzelte oder Openairs – eben große Locations verändert damit das alles finanzierbar ist. Viersen war sicherlich 100 000 mal dabei.“

Ist es schwierig für deine Ehe dass du so viel unterwegs bist?

Meine Frau und ich sind ja seit 23 Jahren zusammen und da ist sie da mit reingewachsenen. Sie freut sich sehr und wir sind als Team gut zusammen gewachsen.“

Mag sie deine Musik?

„Sie mag Schlager gar nicht und es ist auch ganz schön hart wenn ich einen neuen Song geschrieben habe und sie macht ihn nieder. Aber ich schätze ihre Meinung sehr. Ich komme mit vielen Menschen zusammen die mir nach dem Mund reden und das ist nicht so schön.“

Hast du Vorbilder?

Klar, Wolfgang Petry hat den Schlager wieder verändert. Er hat ihn jünger gemacht. Das war eine tolle Leistung. Die Musik von Andreas Martin hat mich zu Schlager gebracht. Ich habe seine Songs bei Hochzeiten gesungen als ich noch in einer Band gesungen habe. Er war so ein bisschen mein Türöffner zum Schlager. Ich habe dann den Popschlager erfunden. Habe mehrere Bassdrums übereinandergelegt und ihm einen internationalen Hauch gegeben. Das war damals ein Tabubruch und die Medienwelt hat das erst nicht unterstützt.“

Wie hast du das geändert?

„Ich bin brutal auf die Discotheken gegangen. Schon weit bevor der Erfolg kam war ich mit meinen Songs unterwegs. 2006 kam dann Sie liebt den DJ raus. Aber keiner wollten den Titel spielen. Ich glaube Karneval oder so ist es passiert, da hat sich ein DJ im Suff getraut den Song zu spielen und die Leute reagierten drauf. Ich hatte nie gedacht das ich einen Song wieder neu aufnehmen würde. Ich war immer einer der auf Masse gesetzt hat. Ich habe im Jahr um die 40 Songs rausgebracht. Bevor ich bei Sony war habe ich meine eigenes Label gehabt und im Jahr 4 Alben rausgebracht. Die Labels riefen dann 2006 an und wollten den Wendler haben und haben mit riesen Summen um sich geworfen. Ich habe mich dann für Sony in München entscheiden und das war der Anfang einer erfolgreichen Zusammenarbeit. Wir haben dann den DJ neu rausgebracht.“

Und dann ging es richtig los für dich.“

„Ja, es meldete sich der Spiegel und die haben mich 3 Wochen begleitet. Anfangs hatten die den Schlager skeptisch auf dem Schirm. Witzig eigentlich; Der Redakteur hat mir gesagt dass sie damals 2 Themen auf dem Tisch hatten. Robbie Williams in Amerika auf Tour oder der Wendler in Deutschland. Weil er nicht so weit weg wollte ist er dann mit uns gekommen. Er hat dann gesehen was da bei uns abging.“

„Wie Frauen BHs auf die Bühne geworfen haben?“

„Ja, aber das hat sich ja mittlerweite wieder etwas entspannt. Aber es war schon wie bei Justin Biber oder Michael Jackson gerade raus kamen. Damals standen da 14, 15, 16 jährige Mädels mit Kreischalarm überall in Deutschland. Ich habe dann 3 Seiten im Spiegel geschrieben und auf der ganze Sektor der Medienwelt wollten den Hype haben. 2007 hatte ich meine erste Doku auf Sat1. Wir haben Mio. von CDs verkauft, 6 goldene Schallplatten. Das war im Schlager eine Sensation. Und plötzlich war diese Musik nicht mehr so verstaubt.“

„Dennoch war es ja ein langer Weg bis dahin. Kam dir nicht irgendwann der Gedanken aufzugeben und einfach wieder als Speditionskaufmann zu arbeiten?“

„Nein, ich war vernarrt und habe schon immer an meinen Erfolg geglaubt auch lange bevor er kam. Ich war ja pleite, das ist ja kein Geheimnis und ich war mir immer sicher mich mit der Musik schuldenfrei zu bekommen. Meine Frau war dagegen und hat gesagt ich soll unser letztes Geld nicht für Autogrammkarten und Produktion ausgeben. Ich ziehe sie manchmal heute noch damit auf.“

Klar wissen wir alle von all deinen Erfolgen, aber mich würde interessieren was deine größte Niederlage im Leben war.

„Die Insolvenz natürlich. Das blinde Vertrauen dass ich einigen Menschen entgegengebracht habe… da war ich am Boden. Aber ich glaube ja an Schicksal und heute kann ich sagen dass ich es ohne die 3 Mio. Schulden nicht geschafft hätte. Ich hätte nicht so viele Songs geschrieben wenn mich die Situation nicht dazu gezwungen hätte. Ich habe in kürzester Zeit 400 Songs geschrieben. Alles hat seinen Grund und wenn das alles nicht so gewesen wäre würde es heute keinen Michael Wendler geben.“

Hast du im Moment Projekte in Planung?

„Direkt nicht. Aber ich habe viele Buchungen. Zum Beispiel habe ich ein großes Konzert in Dubai, und eine Kreuzfahrt ist endlich auch mal dabei. Viele Kleinigkeiten machen das ganze  abwechslungsreich. Ich freu mich auf das Arena – Konzert in Oberhausen am 29.9. Aber ich drehe auch ein neues Format. Die Künstlerförderung steht bei mir auch ganz oben. Sonst verschwindet der Schlager schnell wieder in der Versenkung. Wir brauchen neue junge Kerle oder Mädels die den Schlager bereichern.“

Das hört sich ja an als ob du deinen Ruhestand schon planst.

„Nee, so schnell nicht. Ich möchte zwar mit 50 nicht mehr auf der Bühne stehen aber bis dahin ist es ja noch etwas Zeit. Ich denke bis dahin habe ich was geschafft. Wenn man nicht alles falsch gemacht hat im Leben sollte das möglich sein. Klar ist die Verführung in meinem Beruf viel Geld auszugeben groß, aber ich denke gerade die Erfahrungswerte die ich habe was Geld angeht lassen mich schon verantwortungsbewusst damit umgehen. Und dann eben mit 50 nen Gang zurück und keine 200 Auftritte mehr im Jahr.“

Was machst du gleich wenn du heim kommst?

„Dann wartet meine Tochter auf mich. Die hat mich das ganze Wochenende nicht gesehen. Wahrscheinlich gehen wir schwimmen in unserem Pool. Diesen Luxus haben wir uns geleistet weil ich leider nicht mehr ins Schwimmbad gehen kann. Und dann werde ich mal nach meinen Pferden sehen.“

Davon habe ich gehört. Du züchtest ja jetzt. Ich kann mir gar nicht vorstellen dass du im Stall stehst und bei den Geburten mit anpackst.“

„Meistens kommend die Pferde nachts oder ich bin auf tour. Aber klar mache ich das. Die Pferde schaffen das meistens aber auch alleine. Meine Frau hat sogar mal eins alleine auf die Welt geholt.“

Wie kamst du denn überhaupt auf die Idee?

„Das war schon immer mein Traum aber ich wollte es nur wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Vor 2 Jahren habe ich diesen Traum verwirklicht.“

Hast du nicht die Erfahrung gemacht dass die Leute nur vorgeben ein Pferd kaufen zu wollen, aber eigentlich ein Treffen mit dir wollen?

„Wenn ich merkte da interessiert sich jemand mehr für mich als fürs Pferd bin ich weg. Ich habe ja auch Angestellte. Wir bilden sogar aus und haben Praktikanten.“

Hast du einen Traum den du dir noch verwirklichen möchtest?

„Ich möchte einen Echo gewinnen. Ich war ein Mal nominiert. Das wäre ein schon ein Erlebnis. Helene Fischer und Andrea Berg sind allerdings die ersten beiden und Semio Rossi wird immer dritter. Ist gar nicht meine Musik wobei ich die Kollegen sehr schätzt. Die haben den Vorteil dass sie eine andere Altersstruktur bedienen. Meine Fans kaufen die Songs hauptsächlich im Internet und das zählt beim Echo nicht. Ich würde gerne mal da oben dran schrappen. In diesem Jahr ist es ja mal wieder sehr knapp mir Helene Fischer und Andrea Berg. Wobei Helene Fischer um Haaresbreite führt. Aber Andrea Berg bringt jetzt noch eine DVD von ihrer Tour raus und da kann es noch mal knapp werden.“

Du bist aber gut informiert.  

„Ja klar, weil ich das Ranking immer verfolge. Ich bin ja nicht nur Künstler, ich kenne die Branche und weiß wie sie funktioniert. Auch wie sie finanziell funktioniert. Ein Künstler sollte immer wissen was er wert ist. Stärkt natürlich die Verhandlungsposition.“

Nicht nur Künstler, sondern auch…?

„Ich bin auch Autor. Das ist sehr wichtig gerade weil es immer weniger Autoren gibt die Songs schreiben. Nur mit neuen Songs kann man den Coverern dieser Welt auch mal wieder neues Material liefern.“

Hört sich an als ob dich das ärgert.

„Es wird wirklich im Moment nur gecovert. Das ist wirklich schade. Ich habe noch nie einen gecoverten Song gesungen und werde nie einen in meinem Programm haben. Das war und ist mir sehr wichtig.“

Schreibst du denn auch für andere Künstler?

„Ich habe mal einen Song geschrieben der für einen anderen Künstler war.“ sagt er geheimnisvoll.  

Ist das geheim?

„Nein, ist es nicht.“ Lacht er und überlegt einen Moment. „Kennst du noch Schnuffel? Den Klingelton.“

Du lieber Himmel… klar.  

„Den haben ich geschrieben und der hat sich 6 Mio. mal verkauft.“

Was wäre ja schon alleine ein Echo wert.

„Da hast du eigentlich Recht. Der war erfolgreicher als jeder meiner Songs.“

Na da drücken wir Michael doch die Daumen für den Echo 2013 und vielleicht nehmen wir uns als Vorsatz seine Songs mal als gute alte CD zu kaufen und die hübsch ins Regal zu stellen um ihn zu unterstützen.

Interview: Melanie Hauptmanns

Fotos: creapiXx.net/herbK

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)