WEST SIDE STORY – THEATER ST. GALLEN

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West Side Story“ steht für Ausländerhass, Kampf der Straßen-Gangs um die Reviere, verbotene Liebe und Verzweiflung. Leonard Bernsteins Meisterwerk wird nun auch im Theater St. Gallen gespielt und hat an Brisanz gerade in der heutigen Zeit an Nichts verloren. Das moderne Romeo & Julia wurde am 26. September 1957 uraufgeführt und ist seit dem von den Theater- und Musicalbühnen nicht wegzudenken.

Die Kulissen sind einfach aber effektvoll gehalten (Bühne: Knut Hetzer). Schwarz-graue Wände und eine schwenkbare Steg-Konstruktion werden je nach Szene mit Lichteffekten passend in Szene gesetzt (Licht: Michael Grundner). Die Schlüsselszenen spielen auf dem Steg, der als Balkon vor Marias Zimmer genauso dient wie – mit einem Bett versehen – als Marias Zimmer selber. Auch die Szenen im Brautmodengeschäft sind mit ein paar Schneiderpuppen auf Rollen sehr gut gelöst. Etwas befremdlich wirkt Doc´s Drugstore, dieser wurde in eine KfZ-Werkstatt umfunktioniert. Auch wenn Tony das eine oder andere Mal eine Getränkekiste in den fiktiven Keller bringt, ist es nicht DER Drugstore, den man gewohnt ist. Trotzdem sehr effektvoll ist das Auto, das immer wieder von links auf die Bühne fährt und an dem Tony schraubt, wenn eine Szene bei Doc´s spielt.

Absolut hervorzuheben sind die Tanzszenen, die besser nicht hätten choreografiert werden können. Fesselnd, kraftvoll und mitreißend – hier haben Melissa King und Samantha Turton ganze Arbeit geleistet.
Auch die Kampfszenen kommen absolut authentisch rüber und lassen den Zuschauer immer wieder zusammenzucken (Fight Captain: Richard Leggett).
Die Kostüme von Magali Gerberon sind der Zeit und den Szenen sehr gut angepasst. Vor allem die Kleider der Damen sind ein optisches Highlight.

Es ist ein absoluter Genuss, dass alle Liedtexte im Original gesungen werden. Experimente anderer Theater, teils auf Englisch teils auf Deutsch zu singen, sind einfach unpassend. Die Texte sind phonetisch einwandfrei und gut zu verstehen und die gesprochenen Dialoge sind sowieso auf Deutsch, so dass der Handlung problemlos gefolgt werden kann.

Andreas Bongart spielt und singt den Tony mit großer Leidenschaft. Er setzt seine Stimme passend zu jeder Szene ein und begeistert sowohl mit viel Gefühl als auch Verzweiflung, Wut und Hass.
Lisa Antoni als Maria überzeugt mit einem wunderschönen klassischen Sopran. Sie spielt alle Facetten ihrer Rolle perfekt aus und punktet auch durch ihren südamerikanischen Akzent, der weder gekünstelt noch aufgesetzt wirkt.
Ebenso Sophie Berner als Anita, auch sie spricht und singt mit Akzent und punktet jede Sekunde mit toller Stimme, perfektem Spiel und Präsenz. Sehr beklemmend aber hervorragend gespielt ist vor allem die Vergewaltigungsszene am Schluss, hier sind schauspielerische Qualitäten gefragt, die sie selbstverständlich keine Sekunde missen lässt.

Bei den Damen-Ensembles der Jets (Samantha Turton, Kim Tassia Kreipe, Stefanie Fischer, Robina Steyer) sticht vor allem Annakathrin Naderer als freche Anybody´s heraus. Sie will unbedingt zu den Jungs der Gang gehören, was sie irgendwann durch ihre große Klappe und viel Geschick auch schafft.

Die Damen der Sharks (Yara Hassan, Conchita Kluckner-Zandbergen, Dapheny Oosterwolde, Emily Pak, Ana Sánchez Martinez) können neben Maria und Anita mit hervorragenden Stimmen, tollem Tanz und gutem Spiel ebenso überzeugen wie die Konkurrentinnen der Jets.

Die Herren-Ensembles der Jets (Jörn-Felix Alt, Adrian Hochstrasser, Stephan Luethy, Tobias Brönner, Stefan Gregor Schmitz, Richard Leggett, Lorian Mader, Jack Woddowson, Andrew Cummings) und der Sharks (Jurriaan Bles, John Baldoz, Danilo Brunetti, Luke Giacomin, Roberto Martinelli, Exequiel Barreras, Hoang Anh Ta Hong, Calvin Bernauer) singen und spielen sich problemlos und überzeugend durch das Stück. Auch beim Ensemble sind die hervorragenden Tanzszenen hervorzuheben, die von allen synchron und kraftvoll auf die Bühne gebracht werden.

Das Duo Officer Krupke (Christian Hettkamp) und Inspector Schrank (Max Gertsch) sind durch das gesamte Stück präsent. Schrank versucht verzweifelt, Ordnung in sein Revier zu bekommen, scheitert aber regelmäßig an den Gangs.

Doc, gespielt von David Steck, ist die gute Seele des Stückes. Doch auch seine Versuche, den Jugendlichen klar zu machen, dass Kriege und Kämpfe keine Lösung sind, scheitern an der Sturheit, dem Hass und der Aggression der „Halbstarken“ Er kann den Tod von Riff, Bernardo und Tony nicht verhindern.

Unter der Leitung von Otto Tausk und Stéphane Fromageot spielt sich das Sinfonieorchester St. Gallen problemlos durch die sehr anspruchsvolle Partitur Leonard Bernsteins und macht den Abend zu einem musikalischen Hochgenuss. Das Sound-Design von Stephan Linde ergänzt den Klang vom Orchester.

Mit der Inszenierung von Melissa King und Dramaturgie von Deborah Maier ist West Side Story im Theater St. Gallen ein Muss für jeden Theater-/Musik-/Musical-Liebhaber. Hervorragende Umsetzung, überragende Cast, tolles Orchester, passende Kulissen und Kostüme – was braucht man mehr für einen gelungenen Theaterabend. Das Thema ist leider nach wie vor brisant und aktuell. Krieg und Terror – egal ob aus politischen, religiösen oder rassistischen Gründen sind leider immer noch an der Tagesordnung und bei der momentanen Situation aktueller denn je. Und es wird wieder deutlich, dass die Menschen über Generationen hinweg nicht dazulernen.
Infos und Tickets unter www.theatersg.ch

Fotos: Andreas J. Etter WSS7 WSS8 WSS3

Sabine Boehm

Sabine Boehm

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