„Affairs“ – Burlesque Show sorgt im Friedrichsbau Varieté für Standing Ovations

„Affairs“ – Burlesque Show sorgt im Friedrichsbau Varieté für Standing Ovations

affairs_Flyer.indd

Der Monat September bedeutet für viele Theater Start in die neue Theatersaison. Beim Friedrichsbau Varieté Stuttgart wird dieses Opening sehr heiß. Passend zur späten Hitzewelle, die über Deutschland zieht und die Menschen schwitzen lässt, beweist auch die neue Show „Affairs“, dass man mit Ästhetik und einer großen Portion Unterhaltung die Gemüter erhitzen kann. Regisseur Ralph Sun ging mit seiner Burlesque Show jedoch auch ein Wagnis ein, so wird mit nackter Haut nicht gegeizt und der Spagat zwischen Akrobatik, Comedy, Chansons und den unverhüllten Tatsachen, ist groß – dennoch sind die einzelnen Komponenten so geschickt verwoben, dass die Zuschauer allabendlich die Leistung mit Standing Ovations honorieren.

Doch was ist eigentlich Burlesque? Hört man diesen Begriff, denkt man unweigerlich an eine der bekanntesten Vertreterinnen: Dita von Teese, die sich leicht bekleidet in einem überdimensional großen Sektglas räkelt. Auf diese Requisite wird jedoch bei „Affairs“ komplett verzichtet. „Burlesque“ gilt als Kunstform des US amerikanischen Unterhaltungstheaters, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aufkam. Im Mittelpunkt stand der „Striptease“, also Damen, die künstlerisch ihre Hüllen fallen ließen, jedoch nicht alle. Manchmal genügte ein Strumpfband oder ein Handschuh, um die Fantasie des Publikums zu beflügeln. Hinzu kamen noch Showeinlagen aus den Genres Tanz, Gesang sowie Moderation.

3eckundkreis

Ralph Sun griff genau diese Elemente auf. So führt Ferkel Johnson – ja, der Herr stellt sich wirklich so vor – als Conférencier durch den Abend. In adrettem Anzug, Glitzerweste und gegeltem Haar, unterhält er mit Wortwitz sowie musikalischem Talent. Seine Lieder, teils mit frivolen Textzeilen (oft zum Glück auf Englisch gehalten) und auch seine Anekdoten haben jedoch auch einen ernsten Hintergrund. Er lässt frei von Hemmungen die Hüllen fallen und verzaubert die Zuschauer mit seinem „Knietheater“, in dem er seine Beine „zweckentfremdet“ und diese zu Figuren umfunktioniert, die sich einander näherkommen. „Ferkel“ sorgt für Lacher und verknüpft harmonisch die einzelnen Showacts.

So stehen diesmal hochkarätige Künstler und Artisten auf der Bühne des Friedrichsbaus. Besonders entzückt die in Paris lebende Australierin Vivi Valentine mit ihrem Fächertanz, bestehend aus schwarzen Federn. Man muss automatisch an das Ballett „Schwanensee“ und den dazugehörigen Schwarzen Schwan denken, wenn man ihre Performance sieht.

Lasziv sowie tänzerisch atemberaubend zeigen sich Bray Buenrostro und seine Partnerin Miss Skopalova, die mit Ketten aneinander gebunden sind und einen erotischen Akt vollführen, der sicher so manch einen Zuschauer nach Atem ringen lässt. „50 shades of Burlesques“ könnte man diese Shownummer auch bezeichnen.

skopalova-bray-9470

Nach dieser erotischen Explosion sorgt das Duo Les Dudes für humorvolle Abwechslung. Die beiden Herren, besonders der vollbärtige Francis Gadbois, haben die Lacher auf ihrer Seite. Mit ihrer temporeichen Artistik und Comedy Show demonstrieren sie, wie die Grenzen der einzelnen Genres doch verschmelzen können. Francis, der Tollpatsch, der oft die Jonglage seines Partners Philippe Dreyfuss durch seine lustigen Bewegungen oder Tanzeinlagen stört und diese dennoch bereichert. Ob Einradfahren, Jonglage mit Tennisbällen, Keulen oder Eiern, alles ist bei Les Dudes dabei.

Doch wie kommt der Titel der Show „Affairs“ in dem unterhaltsamen Showkonzept überhaupt zum Vorschein? Bessere Vertreter als Mirko Köckenberger und seine Partnerin Marie Bitaroczky könnte es hierfür nicht geben. Die beiden zeigen in einer einfühlsamen Artistiknummer, wie sich Mann und Frau annähern und am Ende doch getrennte Wege gehen. Voller Kraft und Anmut zeigen sie hier die Hand-auf-Hand-Akrobatik – sie hält ihn, er hält sie – ob nun ineinander verschlungen oder voneinander entfernt. Wie bei einer Affaire eben – mal ist man sich nah, mal fern.

mirko-9191

Köckenberger und Bitaroczky treten auch als Solisten in dieser Show auf. Sie in einem großen Netz schwingend, er als Equilibrist, auf Koffer einhändig balancierend.

Klassische Vertreterin des Burlesque ist an diesem Abend eindeutig Janet Fischietto – anmutig wie eine Ballerina, in aufwendigem, glitzernden Kostüm, zeigt sie die ursprüngliche Intention dieser Kunstform. Langsam fallen die Hüllen, aber nicht alle! Wesentliche körperliche Merkmale sind und bleiben verhüllt.

Künstler Daan, alias Daniel Görich, wirkt zu Beginn seiner Performance etwas verwirrt, er hüpft über die Bühne, wild tanzend, malt sich die Lippen und Brustwarzen mit rotem Lippenstift an – doch das skurrile Treiben endet in einer fantastischen Seilnummer. Er beweist, wie kraftvoll er ist und wie seine sanfte Seite durchkommt, sobald er sich an diesem Requisit befindet.

Man staunt nicht schlecht über diese Vielfalt an Künstlern. Zu guter Letzt darf noch ein Jo-Jo Meister zeigen was er kann. Der Japaner Naoto ist zweifacher Weltmeister im Jo-Jo Spielen und reißt mit einer temporeichen Nummer das Publikum richtig aus den Sitzen.

Ralph Suns „Affairs“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass man den Mut haben sollte, Grenzen zu überwinden und ein Genre aufzugreifen, das schon längst nicht mehr so poulär ist wie zu seiner Hochzeit. Dennoch fasziniert Burlesque und durch die perfekte Abstimmung der Künstler und Showacts des Abends, erhält „Affairs“ eine Kurzweiligkeit, die humorvoll und faszinierend zugleich ist.

Staunen und lachen Sie mit – noch bis zum 29. Oktober ist „Affairs“ im Friedrichsbau zu sehen!

vivi-artists-9293-2

Infos und Tickets unter:

www.friedrichsbau.de

Bericht: Franziska Maier

Fotos: Ralph Sun, Alessandra Tisato, Andreas Durm

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)