Harold und Maude

„Harold und Maude“ – oder über das Leben, die Liebe und das Sterben

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„Die größten Menschen sind jene, die anderen Hoffnung geben können.“ Jean Jaurès Zitat könnte nicht passender sein für das aktuelle Stück der Stuttgarter Komödie im Marquardt.

Wobei, ob man bei „Harold und Maude“ wirklich von einer Komödie sprechen kann, ist an sich fraglich. Colin Higgins Werk war ursprünglich ein Drehbuch, das er Ende der 60er Jahre als Abschlussarbeit seines Studiums verfasste. Im Jahr 1971 wurde es von Hal Ashby verfilmt und galt lange Zeit als „geschmacklose, schwarze Komödie“, die finanziell gesehen eher einen Misserfolg darstellte. Im Laufe der Jahre erhielt „Harold und Maude“ jedoch Würdigung und entpuppte sich zu einem Kultstück, besonders für die Zielgruppe, die sich oftmals missverstanden oder diskriminiert fühlt.

So geht es in den Zweiakter um Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite wäre da der 18jährige Harold (Johannes Hallervorden), dessen große Leidenschaft es ist, sein Umfeld zu schocken. Insbesondere liebt er die Inszenierung seines eigenen Todes. Es entstehen daher die skurrilsten Situationen, beispielsweise, wenn seine Mutter (Stephanie von Borcke) ein neues Dienstmädchen einstellt und Harold „rein zufällig“ als Erhängter in einem Raum von der Decke baumelt. Friedhöfe sind des Weiteren seine große Leidenschaft. Es zieht ihn magisch zu Beerdigungen und auch in seiner Freizeit bevorzugt er den Ort der ewigen Ruhe. Kein Wunder also, dass er keinen Kontakt zu Gleichaltrigen hat. Doch auf dem Friedhof trifft er unerwartet auf Maude. Die fast 80jährige (Anita Kupsch) strotzt vor Lebensfreude und positiver Energie. Sie lebt in einem Wohnwagen, befreit eine Robbe aus dem Zoo und sie „leiht“ sich gerne Dinge, so zum Beispiel das Auto des Pfarrers (Markus Bader), der Maude wegen Diebstahls anzeigt. Inspektor Bernhard (ebenfalls Markus Bader) kennt die alte Dame zu Genüge, da sie dafür bekannt ist, das Recht zu missachten. Doch Harold profitiert von der unkonventionell lebenden Maude. Sie zeigt ihm, dass das Leben auch andere Facetten hat und nicht nur alles grau und trist ist. Während sich Harolds Mutter bemüht, diesen mit diversen Heiratskandidatinnen zu verkuppeln – über „Elitelover“ kommen drei potentielle Schwiegertöchter, die unterschiedlicher nicht sein könnten: eine Schauspielerin, eine lispelnde Sekretärin und eine Studentin (allesamt gespielt von Susanne Theil, die auch noch weitere Rollen übernimmt, u.a. die Robbe) – fühlt sich Harold immer stärker zu Maude hingezogen. Sein Entschluss steht fest: Er möchte Maude heiraten!

Wäre da nicht der gewaltige Altersunterschied und eine Tatsache, die das Vorhaben jäh beendet…

Manfred Langners Inszenierung zeigt auf einfühlsame Art und Weise, wie das Leben einen Menschen prägen kann. Denn obwohl die Handlung mit der viel Komik und Humor ausgestattet ist, sind es die feinen Untertöne, die einen nachdenklich machen. Hinter jeder Situation und Dialog ist eine Botschaft versteckt. Wenn Maude Harold beispielsweise fragt, welche Blume er gerne sein würde und er auf die Margariten in Maudes Hand zeigt, da diese alle gleich sind, belehrt ihn die alte Dame und zeigt ihm die Vielfalt jeder einzelnen Blume auf. Es gibt keine Gleichheit, alles sind Individuen, wie wir Menschen auch.

Barbara Krotts Bühnenbild ist eine wahre Freude. Wenn die Handlung sich bei Harold zu Hause abspielt, so ist eine weiße Wand zu sehen, davor sterile durchsichtige Gartenmöbel. Apropos steril, Harolds Mutter hat den Tick, sich stets die Hände zu desinfizieren und nicht nur das, sie ist eine Reinheitsfanatikerin und Perfektionistin. Dies scheint eine Erklärung für Harolds Verhalten zu sein. Eine Art Aufmerksamkeitssyndrom, die er mit den morbiden Aktionen umsetzt. Nach dem Tod von Harolds Vater scheint dies sein Weg der Verarbeitung zu sein. Und Harolds Mutter gilt als eher egozentrische Person, die zwar um ihren Sohn besorgt ist, aber insgesamt einfach alles in ihrem Umfeld perfekt haben möchte. Es gibt aber keinen Perfektionismus und Maude steht genau für das Gegenteil. Ihr Leben ist eher unstrukturiert, sie lebt in den Tag hinein, in ihrer Welt, ist aber glücklich mit dem, was sie hat und das überträgt sie auf ihre Umwelt. Selbst der Sergeant (Klaus Krahn) und Inspektor Bernard sind der alten Dame nicht böse, auch wenn sie sie pfänden müssen.

 

Als Zuschauer fragt man sich während des Stückes natürlich, ob es nun wirklich Liebe ist, die Harold für Maude empfindet oder ob es eine Art Mutterkomplex ist, der hier zum Ausdruck kommt. Die Gegensätze, die sich anziehen, die Fremdartigkeit, die Maude verkörpert, ihre Lebenseinstellung, all das ist neu für Harold. Doch dass Maude auch nicht völlig positiv denkt, zeigt sich am Ende des Stückes, das die Komödie eher zu einer Tragödie kippen lässt: Maude wird alles genommen, an ihrem 80. Geburtstag möchte Harold ihr den Heiratsantrag machen, doch so weit kommt es gar nicht, da Maude beschlossen hat, mit 80 ihr Leben zu beenden. Sie nimmt Tabletten und stirbt in Harolds Armen. Ein Schlag für den jungen Mann, der nun wieder auf den Friedhof zurückkehrt und sich in seine Welt zurückzieht, bis auf eine Begegnung, die sein Leben sicherlich verändern wird…

 

Anita Kupsch mimt die 80jährige „Maude“, man hätte diese Rolle nicht passender besetzen können, da sie genau das Bild der Rollenvorgabe verkörpert. Sie ist agil, temperamentvoll, lebensfroh und sie außerdem einfach fabelhaft aus für ihr Alter. Sie ist die Perle des Stückes, die glänzt und um die sich fast alles dreht. Schillernd und lebensfroh. Der wirklich erst 18jährige Johannes Hallervorden steht seiner erfahrenen Kollegin jedoch in nichts nach. Als „der Sohn von Dieter Hallervorden“, der Legende der deutschen Comedy-und Filmszene, hat er es sicher nicht immer leicht, sich als Individuum zu behaupten, doch er braucht sich wahrlich nicht zu verstecken! Er spielt wie ein alter Profi, man nimmt ihm seine Rolle völlig ab und merkt auch die Spielfreude, die er verkörpert, besonders, wenn er seine „Selbstmorde“ plant und inszeniert. Da schaut der Schalk aus seinen Augen.

Stephanie von Borcke als perfektionistische Mutter könnte ebenfalls nicht besser besetzt sein. Die adrette Frau, stets elegant gekleidet und auf ihre Etikette achtend – diesen Typus Frau verkörpert von Borcke wahrlich perfekt.

Und würden Markus Bader, Susanne Theil sowie Klaus Krahn in diesem Stück fehlen, wären sage und schreibe 12 weitere Rollen offen! Denn diese drei Allrounder verkörpern all die restlichen Personen des Stückes und das mit Bravour!

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„Harold und Maude“ – eine Komödie, die anders ist, die es jedoch schafft, das Publikum zu fesseln und es in seinen Bann zu reißen.

 

Das Stück ist noch bis zum 13.11.2016 zu sehen.

 

Weitere Infos unter:

www.schauspielbuehnen.de

 

Bericht: Franziska Maier

Fotos: Sabine Haymann

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der “bdfj” Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V.

> Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

> Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung…)