Tanz der Vampire – Theater St. Gallen

Die Vampire sind nun endlich auch in der Schweiz angekommen. Über Wien und Stuttgart haben Sie Ende der 90er ihren Siegeszug begonnen. Kaum ein Musical war je erfolgreicher und wurde im deutschsprachigen Raum fast ununterbrochen gespielt. Selbst der kurze Ausflug nach Paris 2014 nahmen viele deutsche Fans zum Anlass, der französischen Hauptstadt einen Besuch abzustatten. Bisher scheiterte nur der Versuch einer teilweisen Neuinszenierung am New Yorker Broadway/USA. An allen anderen Spielstätten (Estland, Polen, Ungarn, Slowakei, Belgien, Japan, Russland) blieb der Erfolg nicht aus.

Nun hat das Theater St. Gallen unter der Regie von Ulrich Wiggers eine komplette Neuinszenierung angekündigt. Und diese ist seit dem 18. Februar 2017 zu sehen. Wer das Original kennt tut gut daran, sämtliche Erinnerungen auszublenden, den Kopf auszuschalten und sich auf diese Inszenierung komplett neu einzulassen. Außer der Musik von Jim Steinman und den Texten von Michael Kunze hat Wiggers keinen Stein auf dem anderen gelassen. Egal ob Kulissen, Kostüme oder Choreografien – alles wurde neu erfunden und modernisiert. Nur die Geschichte und der Ablauf der Show sind geblieben.

Schon zu Beginn ist Prof. Abronsius zu sehen, wie er neugierig in einem Garten nach den Vampiren sucht. Er versteckt sich hinter einer Hecke in Form von zwei riesigen Ratten mit leuchtend roten Augen. Alfred kommt seitlich durch das Publikum suchend dazu und die Show beginnt mit dem bekannten „Hehohe“. Alfred entdeckt Abronsius halb erfroren in der Hecke und trägt ihn hinaus. Hier muss Alfred schon zu Beginn volle Arbeit leisten, denn im Original musste er „nur“ eine Puppe tragen, nun den Menschen Abronsius.

Das Wirtshaus von Chagal gleicht einer rustikal-modernen Studentenkneipe. Der Song „Knoblauch“ wird von einer riesigen, in der Mitte platzierten Knoblauchknolle unterstützt. Hier wird deutlich, dass die Kostüme komplett entstaubt wurden und vom Stil her in den 60er-70er Jahre angesiedelt werden können. Magda trägt statt des altbekannten Dienstmädchen-Outfits nun einen anzüglichen Leoparden-Overall. Chagal steckt, wie es sich für den Wirt des „1. Hotels am Platze“ gehört, in einem Anzug und seine Frau Rebecca im stilvollen Kostüm. Die Gäste sind eher leger gekleidet, die Männer in Jeans oder einfachen Hosen und Hemd, die Damen größtenteils in Röcken und Blusen. Die Hotelzimmer und auch Sarahs Schlafzimmer sind nach wie vor einfach gehalten, aber wenigstens hat Alfred nun ein eigenes Bett im gemeinsamen Zimmer mit Abronsius. An der Wand von Sarahs Zimmer hängen Poster von Twighlight und Vampire Diaries, was ihre Anziehung zu Vampiren deutlich macht. Das „hochmoderne“ Badezimmer ist nach wie vor als Durchgangszimmer zwischen den beiden Zimmern platziert. Aus der Holz- wurde eine Zinkbadewanne. Bei „Eine schöne Tochter“ nagelt Chagal die Tür zwischen Bad und Sarahs Zimmer nun nicht mehr mit Holzlatten zu, sondern benutzt erst einen Hammer und Nägel, dann noch Schrauben, die er mit einem Akkubohrer in die Tür treibt. Der erste Auftritt des Grafen von Krolock mit „Gott ist tot“ ist weniger spektakulär. Auch geht er einfach nach hinten von der Bühne ab, ohne Blick zum Mond und ohne nochmal durchs Publikum zu gehen.

„Alles ist hell“ und „Wahrheit“ hat Wiggers in den Fitnessraum verlegt. Auf Hometrainern und einer Rudermaschine singen und spielen sich Abronsius, Alfred, Chagal, Rebecca und Magda durch die Szene. Leider ist Abronsius durch die sportliche Betätigung etwas außer Atem, so dass er seine Passagen nicht ohne Luft-zu-holen durchsingen kann. Schade, denn das stört den Fluss und genau das macht einen guten Abronsius aus. Vor „Draußen ist Freiheit“ erhält Sarah ihr Geschenk von Krolock durch dessen Pagen Koukol. Verpackt in einem Karton enthält es die roten Stiefel – oder besser Stiefeletten – und ein rotes Korsett. Die Choreografie bei „Stärker als wir sind“ ist sehr gut, auch wenn weniger Tänzer auf der Bühne sind. Bei „Das Gebet“ fehlt die sakrale Wirkung, was durch Kerzen viel mehr Wirkung gehabt hätte.

Die legendäre Treppe im Schloss des Grafen wurde durch eine einfachere, je nach Szene von der Seite hereinrollbare, Treppe ersetzt. Die Szenen im Schloss spielen auf zwei Ebenen. Bei „Totale Finsternis“ sitzt Krolock auf der oberen Ebene am Flügel und spielt das gesamte Stück durch. Sarah betritt das Schloss unten und kommt dann zu Krolock die Treppe herauf. Das Schlafzimmer von Alfred und Abronsius bei „Carpe Noctem“ ist wieder unten, da hier auch mehr Platz für die Tanzszenen rund um das Bett benötigt wird. Bei dem Bett handelt es sich um ein einfaches Doppelbett, so dass die Vampire sich nur um das Bett herum bewegen können.
Bei der Gruft kommen Alfred und Abronsius von der oberen Ebene über einen Seitenbalkon nach unten zu den Sarkophagen. Diese sind einfache Särge, ein normal großer und ein kleinerer. Dass die beiden Vampire, Krolock und Herbert, überhaupt nicht in den Särgen liegen, verschweigt Alfred. Nur dem Zuschauer ersichtlich schauen die beiden von der Seite dem Treiben in ihrer Gruft zu und amüsieren sich über die beiden.
Die Bibliothek bei „Bücher“ ist auf der oberen Ebene, während das Badezimmer, in dem erst Sarah und später Herbert sich aufhalten, auf der unteren Ebene ist. So kommt Alfred mit Abronsius erst oben herein, sie entdecken die Bibliothek als Alfred Sarah unten singen hört. Er geht zu ihr hinunter um sie zu beschwören, mit ihm aus dem Schloss zu fliehen. Doch Sarah fiebert dem Ball entgegen und verweist ihn des Zimmers. Er geht wieder nach oben zu Abronsius, der beim Anblick der vielen Bücher voll in seinem wissenschaftlichen Element ist und weder von Sarah noch von einer Flucht etwas wissen möchte. Alleine gelassen mit dem Buch „Ratgeber für Verliebte“ hört Alfred erneut den vermeintlichen Gesang von Sarah. Er stürmt die Treppe wieder hinunter, trifft im Bad aber auf Herbert, der anstelle von Sarah nackt in der Badewanne sitzt. Das Publikum sieht ihn nur von hinten, als er aufsteht und sich einen Bademantel überzieht. Auch bei der anschließenden Szene wird Alfred im Spiegel gedoubelt, so dass man im Spiegelbild nur Alfred sieht, nicht aber den Vampir Herbert. Hier ist die Synchronität noch nicht 100%ig, daran muss noch gearbeitet werden. Bei „Ewigkeit“ steigen die Vampire nicht aus den Gräbern auf dem Friedhof, sie kommen einfach so auf die Bühne. Trotzdem sind Kostüme und Choreografie auch hier sehr passend. „Die unstillbare Gier“ singt Krolock demnach auch nicht auf dem Friedhof zwischen den Gräbern, sondern zwischen den beiden Ebenen auf der Bühne während Abronsius und Alfred vom Seitenbalkon aus zuschauen. Beim großen Ball erhalten Abronsius und Alfred ihre Kostüme nicht, indem sie zwei Vampire niederschlagen, sondern von Koukol ausgehändigt. Koukol ist sowieso im ganzen Stück immer wieder im Hintergrund präsent und spielt oft den stillen Beobachter. Der Ball und die Flucht von Abronsius, Alfred und Sarah aus dem Schloss erinnern wieder an das Original. Die Choreografie des Schusstanzes, dem Finale der Show, ist nicht ganz so ausdrucksstark wie im Original, die Kostüme dagegen ebenfalls komplett in schwarz gehalten.

Graf von Krolock wird von Thomas Borchert gespielt, dem die Rolle schon seit Jahren wie auf den Leib geschrieben scheint. Egal ob im Original oder in der Neuinszenierung, er brilliert mit starker Stimme, viel Leidenschaft und großen Gefühlen.
Als Sarah ist Mercedesz Csampai zu sehen. Sie ist auch keine Unbekannte in dieser Rolle, hat sie bereits im Berliner Theater des Westens verkörpert. Auch sie punktet mit ihrer tollen Stimme und geht in der Rolle voll auf. Egal ob aufmüpfige Tochter oder sich nach der Liebe verzehrende Frau, sie spielt alle Facetten perfekt aus. Im Duett mit Krolock ist das Knistern förmlich zu spüren. Mit Borchert und Csampai hat das Theater St. Gallen alles richtig gemacht.
Sebastian Brandmeir als Professor Abronsius und Tobias Bieri als Alfred sind Neulinge im Vampir-Schloss. Während für Abronsius die Wissenschaft absolute Priorität hat verliebt sich Alfred unsterblich in Sarah und hat nur noch Augen für sie. Die Wissenschaft und die Jagd auf die Vampire rückt in den Hintergrund. Brandmeir spielt den hochintelligenten aber etwas trotteligen Professor sehr gut aus, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch sorgt er für manchen Lacher und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er bei „Wahrheit“ mit auf einen der Hometrainer steigt und kräftig mitradelt. Bieri spielt den verliebten Alfreg mit starker Stimme und kann vor allem bei seinem Solo „Für Sarah“ überzeugen.
Magda wird gespielt von Sanne Mieloo. Auch sie ist vampir-erfahren, hat die Rolle bereits in Oberhausen und Stuttgart gecovert. Dass ihre Kostüme in der Neuinszenierung eher lasziv angelegt sind tut der Rolle keinen Abbruch und sie singt und spielt sich hervorragend durch die Show.
Das Ehepaar Chagal wird von Jerzy Jeszke und Anja Wessel verkörpert. Beide sind ebenfalls keine Neulinge bei den Vampiren. Jeszke hat Chagall bereits in vielen Produktionen in Hamburg, Berlin und Stuttgart gespielt, Wessel war als Rebecca in Berlin zu sehen. Beide spielen mit Professionalität, guten Stimmen und der richtigen Prise Komik.
Als Herbert steht wieder ein Vampir-Neuling Christian Funk auf der Bühne. Er spielt den schwulen Grafensohn sehr überzeugend. Nicht nur stimmlich, vor allem für die weiblichen Zuschauer auch optisch ein Genuss, wenn er nackt aus der Badewanne steigt. Schade nur sein unspektakulärer Abgang nach „Wenn Liebe in Dir ist“, nachdem Abronsius die sich auf dem Boden wälzenden Alfred und Herbert getrennt und mit väterlicher Strenge getadelt hat. Das sind Schlüsselmomente, die auch einer Neuinszenierung nicht geschadet hätten.
Als Koukol ist Thomas Huber zu sehen. Anders als im Original ist die Rolle nicht als verkrüpelter, schlurfender Page des Grafen angesetzt, hier darf sich Koukol aufrecht bewegen und ist immer wieder im Hintergrund gegenwärtig. Nur sprechen oder gar singen darf er nach wie vor nicht. Auch hier darf er nur kaum verständlich nuscheln. Trotzdem ist er nun weitaus präsenter und scheint manchmal sogar die Strippen im Hintergrund zu ziehen.

Im Ensemble sind desweiteren zu sehen: Christoph Apfelbeck, Juliane Bischoff, Silke Braas-Wolter, Philipp Dietrich, Gerben Grimmius, Philipp Hägeli, Anouk Roolker, Nicolo Soller, Vanessa Spiteri, Samantha Turton, Céline Vogt, Pamela Zottele und die Tanzkompanie des Theater St. Gallen.

Die Tanz der Vampire Band steht unter der musikalischen Leitung von Robert Paul und sorgt trotz kleiner Besetzung für die nötigen lauten uns leisen Töne.
Die neuen Choreografien (Jonathan Huor) sind sehr gut, auch wenn das Tanzensemble etwas kleiner ist als gewohnt. Vor allem bei „Stärker als wir sind“ und „Ewigkeit“ können die Tänzer überzeugen. Beim Finale kommt etwas zu wenig Energie rüber, hier könnte nachgebessert werden.
Die modernen Kostüme von Franz Blumauer sind kurz gewöhnungsbedürftig, passen aber sehr gut zum moderneren Bühnenbild von Hans Kudlich. Sehr schön und versöhnlich sind die Kostüme bei Ewigkeit und dem Ball, die sehr denen im Original ähneln. Die Bühne ist einfach gehalten, doch sehr funktionell. So gibt es neben der Hauptbühne mit zwei Ebenen auch zwei Seitenbalkone, die permanent in die Szenen integriert sind und gute Bespiel-Möglichkeiten bieten. Der vordere Teil ist zudem durch ein versenkbares Bühnenteil noch zusätzlich bespielbar, hier haben die Schlafzimmer von Abronsius/Alfred und Sarah sowie das Badezimmer Platz gefunden. Verbunden sind die Zimmer durch zwei Treppen rechts und links, die durch den Orchestergraben führen. Bei der „Einladung zum Ball“ steht und liegt Krolock auf der Decke des Badezimmers während Sarah darunter in der Wanne sitzt.

Das Theater St. Gallen hat mal wieder sehr viel Mut bewiesen – und wurde belohnt. Nicht nur, dass sich das Theater in den letzten Jahren als eine der führenden Musicalbühnen im deutschsprachigen Raum etabliert hat, es zeigt mit einer tollen Cast und einem hochwertigen Orchester den anderen großen Bühnen mal wieder, wie es gehen kann. Wenn man bedenkt, dass es sich hier um ein Mehrsparten-Theater handelt, muss man dieser Leistung umso größeren Respekt zollen.
Es war sicher ein großes Wagnis, ein so erfolgreiches Musical, das seit mittlerweile Jahrzehnten fast ohne Änderungen sehr erfolgreich international läuft, komplett neu zu erfinden. Viele eingefleischte Fans hatten sicher auch schlimmste Befürchtungen. Aber was St. Gallen in die Hand nimmt, funktioniert einfach und wird jedes Mal mit größtem Erfolg und nahezu ausverkauften Vorstellungen belohnt.

Fotos: Andreas J. Etter

Weitere Informationen und Tickets unter: www.theatersg.ch

           

           

           

Sabine Boehm

Sabine Boehm

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