SHYLOCK! im Theater Pforzheim

Das Musical basiert auf Shakespears “Der Kaufmann von Venedig”. Brigitte Fassbaender (Texte) und Stephan Kanyar (Musik) erschufen aus der 1605 dem Publikum vorgestellten Komödie ein musikalisches Meisterwerk, das 2012 in Innsbruck uraufgeführt wurde. Am 08. April 2017 feierte es am Theater Pforzheim seine Deutschland-Premiere.
Der reiche Kaufmann Antonio wird von seinem Liebhaber Bassanio verlassen, weil der sich in eine Frau, Portia – Tochter aus reichem Hause -, verliebt hat. Um dem Schwiegervater in Spe gerecht zu werden, braucht Bassiano Geld, viel Geld. Daher bittet er Antonio um einen Kredit. Doch Antonios Schiffe sind alle auf See und er ist daher im Moment nicht flüssig. Antonio stellt sich aber als Bürge zur Verfügung und schlägt vor, den reichen jüdischen Kaufmann Shylock um einen Kredit zu bitten. Shylock ist bereit, den beiden zu helfen und das sogar ohne Zinsen. Seine einzige Forderung ist ein Pfund Fleisch aus Antonios Leib, falls dieser das Geld nicht zurückzahlen kann.
Es kommt wie es kommen muss, die Schiffe Antonios geraten in Seenot und kommen nicht zurück. Somit ist Antonio mittellos und Shylock beharrt weiterhin auf seine Forderung nach dem Pfund Fleisch. Auch als Bassiano das Geld mit Hilfe von Portia auftreiben kann (sogar das doppelte wie von Shylock gefordert), lenkt dieser nicht ein. Er ist aus Rache aus. Erst bei der Gerichtsverhandlung schafft es Portia als Rechtsanwältin Shylock davon zu überzeugen, dass Vergebung stärker ist als Rache.

Als Jude hatte es Shylock nie leicht. Von den Christen geächtet wurde er bereits in der Schule und während des Studiums gemobbt. Rädelsführer war Antonio, unter dessen Gemeinheiten Shylock zu leiden hatte. Als Shylock sein Studium mit großem Erfolg beendet hatte, fand er ebenfalls wegen seinem Glauben keinen Job. Diesen erhielt ausgerechnet sein Erzfeind Antonio. Shylock heiratete seine große Liebe Leah, die bald ein Kind erwartete. Bei der Geburt gab es Kompikationen und Shylock versuchte, einen Arzt zu Hilfe zu holen. Doch an diesem Abend gab Antonio einen Empfang, auf dem auch der Arzt eingeladen war. Antonio verwies Shylock des Hauses, Shylock musste ohne ärztliche Hilfe nach Hause. Leah hatte die Geburt nicht überlebt und Shylock gab alleine Antonio die Schuld. Da sich Shylock von allen Christen verraten und verkauft fühlt verbietet er seiner zwischenzeitlich erwachsenen Tochter Jessica die Beziehung zum Christen Lorenzo. Die beiden wollen sich aber ihre Liebe nicht vebieten lassen und beschließen, zu fliehen. Bei Portia bitten sie für eine Nacht um Unterschlupf, bis sie die Stadt verlassen können, welche den beiden diesen auch gewährt. Als Shylock Jessicas Abschiesbrief findet, verzweifelt er und schwört erneut Rache.

Shylocks Vergangenheit wird während der Handlung als Rückblenden eingefügt. Während Shylock im Vordergund sichtbar auf der Bühne zu sehen ist, ist die Vergagenheit im Hintergrund hinter einem Vorhang als Schatten zu sehen. Dadurch versteht man im Verlaufe nach und nach Shylocks Handeln und warum er so einen großen Hass auf Antonio hat.

Stimmgewaltig brilliert Chris Murray als Shylock in der größtenteils sehr anspruchsvollen Rolle des Shylock. Liebe, Verzweiflung, Rache – er spielt alle Facetten voll aus. Die Rolle scheint ihm auf den Leib geschrieben zu sein, mit seiner Erfahrung und Präsenz ist er die perfekte Besetzung.
Antonio wird von Paul Jodach gespielt, der mit vollem Bariton überzeugen kann. Er spielt den überheblichen Antonio gut aus und keine Sekunde überzogen.
Als Bassiano und Lorenzo stehen Philipp Moschitz und Tobias Bode auf der Bühne, die beide mit solider Leistung punkten.
Die Damen Danielle Rohr (Portia) und Caroline Zins (Jessica) glänzen dagegen mit klassischen Stimmen und sind daher nicht nur optisch ein Genuss.
Im Ensemble zu sehen: Spencer Mason, Frank Traub, Steffen Fichtner, Ingo Wagner, Lothar Helm, Holger Peter Wecht, Brian Garner, Hyun Sun Lee, Do Yeon Kim, Chiharu Takahashi, Manuela Wagner, Carl Philipp Fromherz, Karel Pajer, Rigobert Störkle, Ivan Zlabek sowie der Chor des Theater Pforzheim.

Die Badische Philharmonie Pforzheim unter der Leitung von Tobias Leppert setzt die vielfältige Partitur perfekt um. Balladen, lateinamerikanische Rhythmen, großartige Ensemblenummern erzählen von den Höhen und Tiefen bis hin zu Abgründen.
Die Bühne (Isabelle Kittnar) ist zweckmäßig. Shylock agiert in einem Tresorraum, in dessen Schubladen seine Erinnerungen verschlossen sind. Für die Rückblenden veschwindet die Rückwand und wird von einem Vorhang ersetzt, durch den im Schattenspiel die Vergangenheit dargestellt wird. Bei den Szenen mit Bassiano und Portia wird die Tresordecke herabgeschwenkt zur 2. Bühnenebene, die Ensembleszenen spielen vor einem Vorhang, auf dem der Canale Grande von Venedig zu sehen ist. Rechts und links von der Bühne stehen kleine Brücken, wie es sie in Venedig zu hunderten gibt. Die Kostüme (ebenfalls Isabelle Kittnar) sind teils schrill (Antonio und Bassiano), teils den Rollen angepasst bis bieder.

Alexander May (Mitarbeit Regie Tobias Bode / Dramaturgie Annika Hertwig) ist eine fantastische Umsetzung gelungen. Der Abend verspricht große Emotionen von Liebe bis Rache und Hass. Leider ist Ausgrenzung, Mobbing und Fremdenhass auch heutzutage noch präsent – heute mehr als in den vergangenen Jahrzehnten. Daher könnte dieses Musical problemlos auch im Jahre 2017 spielen.
Es wäre schön, wenn sich so mancher den Text von “Wenn ihr uns stecht” zu Herzen nehmen würde. Denn wir sind alle Menschen, egal welche Religion, Hautfarbe, Gesinnung, Herkunft oder Nationalität wir haben. Und nicht Hass und Rache sondern Vergebung und Tolleranz sind die wahren Stärken.

Infos und Tickets unter: theater-pforzheim.de

Fotos: Sabine Haymann

      

 

Sabine Boehm

Sabine Boehm

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