Honig im Kopf

„Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man alles vergisst…?“

Honig im Kopf

Der eigene Kühlschrank wird zum WC umfunktioniert, die Namen der engsten Familienmitglieder verdreht, das Wohnzimmerregal dient als Aufbewahrungsort für Unterhosen und Co…was anfangs äußerst komisch klingt, ist im Alltag eines Demenzkranken leider bittere Realität. Immer mehr Menschen erkranken an Demenz oder Alzheimer, dabei trifft es nicht nur sehr alte Leute, der Prozess kann bereits in jüngeren Jahren schleichend voranschreiten. Letztendlich lässt die Wolke des Vergessens diese Menschen zu Pflegefällen werden, die auch die ganze Familie um sie stark belastet.

Genau so ergeht es Amandus, der Opa der 11jährigen Tilda vergisst stetig alles und weiß dabei nicht einmal, was mit ihm geschieht. Er realisiert gar nicht, welche Dinge er anstellt, dass er einen Kuchen backen will und dabei die Zutaten völlig willkürlich mixt oder dass er im Auftrag seiner Schwiegertochter die Hecke nicht nur leicht kürzt, sondern sie komplett zerstört, da er sie ganz abschneidet.

Das neue Stück in der Stuttgarter Komödie im Marquardt zeigt auf komische und zugleich beklemmende Art und Weise, wie eine Familie mit der Demenz-Problematik umgeht und wie der Kampf damit letztendlich verloren wird.

Schauspieler Til Schweiger griff dieses ernste Thema in seinem gleichnamigen Film „Honig im Kopf“ auf, als demenzkranken Opa wählte er keinen Geringeren als Schauspieler Dieter Hallervorden, der eindrucksvoll die Tragik seines Schicksals verkörperte und dennoch für Lacher sorgte.

In der Komödie im Marquardt begeistert Ernst Wilhelm Lenik in dieser Rolle, es ist rührend, wie er teilweise kindlicher als seine Enkelin Tilda agiert, von ihr angezogen werden muss, nachdem er in die Hose machte oder ihr in klaren Momenten immer wieder versichert, wie sehr ihr sie doch liebt. Man sieht in diesem Bühnenstück Szenen aus dem Leben der Familie, manchmal sind die Szenenwechsel beinahe etwas zu schnell vorgenommen. Tilda führt durch die letzten Jahres ihres Opas, indem sie immer wieder aus den Szenen heraustritt und dem Publikum einige Ereignisse im Zeitraffer schildert. Hier kann natürlich das Bühnenstück dem Film nicht gerecht werden, dieser erzählt chronologisch und langsamer das Geschehen. Doch die Frage stellt sich, ob es überhaupt so sein muss? Insgesamt wird dem Zuschauer dennoch ein Gesamtbild präsentiert, das am Ende viele der Anwesenden die ein oder andere Träne über die Wange rollen lässt. Den Schauspielern gelingt es, trotz des unterbrochenen Erzählungsstranges, die Dramatik und Tragik aufzubauen und Mitgefühl zu erregen.

Für die Rolle der „Tilda“ stehen gleich sechs junge Damen auf der Bühne, diese wechseln sich allabendlich ab. Amandus Sohn wird von Armin Jung verkörpert, der es schafft, den teilweise hilflosen und überforderten Part dieser Geschichte gut darzustellen, so geht nicht nur seine Ehe aufgrund der Krankheit seines Vaters beinahe in die Brüche, nein auch das Verhältnis zu seiner Tochter leidet darunter massiv.

Tina Eberhardt als Schwiegertochter hat ebenfalls einiges zu ertragen, ihr persönlicher Leidensdruck wird sogar so groß, dass sie ihre Familie eine Zeit lang verlässt, um zu ihrer Mutter zu ziehen.

Auch die zwei Nebenrollen des Stückes sind hervorragend besetzt. Allen voran Uwe-Peter Spinner, der gleich in mehreren Rollen brilliert, allen voran seine Darstellung des türkischen „Putzteufels“. Katja Hentschel, die ebenfalls mehrere Rollen abdeckt, zeigt als „Sarahs Mutter“ ihr komisches Talent.

Dem Publikum stellt sich an diesem Theaterabend jedoch eine große Frage: Passt solch eine ernste Thematik in die Komödie im Marquardt? Ja, ist „Honig im Kopf“ denn überhaupt eine Komödie? Im weitesten Sinne: Ja. Dennoch lässt es sich eher als Tragikomödie bezeichnen. Es ist auch mutig, solch einen Stoff auf die Bühne zu bringen, sind doch ernste Themen oftmals in einem Metier der reinen Unterhaltungskunst tabu. Die Reaktionen der Zuschauer sind unterschiedlich, so wird die Schauspielkunst der Akteure mit großem Applaus honoriert, doch so richtig ausgelassen und fröhlich verlässt keiner den Theatersaal. Nachdenklichkeit, traurige Augen und viele Diskussionen waren zu beobachten. Doch wenn man eines behaupten kann, dann das, dass es den Autoren gelungen ist, ein sehr ernstes Thema, das oft als Tabu Thema gilt, aktueller denn je zu machen und dafür zu  sorgen, mehr Verständnis für die Betroffenen zu entwickeln!

Bericht: Franziska Maier

Fotos: Sabine Haymann

Franziska Maier

Franziska Maier

> Offizielles Mitglied der "bdfj" Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. > Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft und ev. Theologie* Beruf der Realschullehrerin (inkl. des Amtes der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) > Journalistische Tätigkeit bei diversen Magazinen (Veröffentlichung von Artikeln u.a. bei Da Capo, Thats Musical, Blickpunkt Musical, Esslinger Zeitung...)