MATTERHORN Musical – Theater St. Gallen

Das Matterhorn – der wohl imposanteste und zugleich schönste Berg der Schweizer Alpen, für manch einen sogar der schönste Berg der Welt. Ihm zu Füßen liegt das schöne Städtchen Zermatt. Hier spielt das neue Musical „Matterhorn“, das vom Theater St. Gallen in Auftrag gegeben und in die verantwortungsvollen Hände des wohl bekanntesten Musicalautors Michael Kunze und dem nicht weniger erfolgreichen Komponisten Albert Hammond gelegt wurde. Die beiden schufen ein dem beliebten und berühmten Berg würdiges Meisterwerk, das am 17. Februar 2018 im Theater St. Gallen Weltpremiere feierte.

Die Geschichte beginnt im Juli 1865, der Engländer Edward Whymper (Rune Høck Møller) kommt als Zeichner nach Zermatt. Als er das Matterhorn erblickt verliebt er sich unsterblich in die Schönheit des Berges und beschließt, als erster den Gipfel zu erstürmen. Auch der elitäre englische Alpine Club möchte das Matterhorn bezwingen und belächelt Whymper nur müde, als dieser von seinen Plänen erzählt. Whymper plant den Aufstieg mit dem erfahrensten Bergführer Jean-Antoine Carrel (Benjamin Oeser) und trifft ihn im italienischen Ort Breuil. Bis dahin galt der Aufstieg von der italienischen Seite als einzig mögliche Route. Doch auch die italienischen Patrioten vom Club Alpino unter der Führung von Felice Giordano (Reinwald Kranner) planen den Aufstieg und wollen unbedingt die Ehre Italiens wahren indem sie als erste den Gipfel erreichen. Hinter den italienischen Bergsteigern steht die Regierung und somit ein Batzen Geld, mit dem sie Carrel ködern. Als Whymper in Breuil ankommt ist Carrel mit den Italienern bereits unterwegs zum Matterhorn. Verhöhnt von der Wirtin Marcella Favre (Juliane Bischoff) beschließt Whymper, den Aufstieg von der schweizer Seite zu wagen. Dies ist die einzige Möglichkeit, die Italiener zu schlagen. Zunächst trifft er auf Lord Francis Douglas (Timo Verse) und die schweizer Bergführer Taugwalder sen. (Martin Kluntke) und jun. (Nicollo Soller). Gemeinsam mit Father Charles Hudson (Samuel Tobias Klauser), Robert Hadow (Marco Toth) und dem Bergführer Michel Croz (Michael Souschek) planen diese ebenfalls den Aufstieg von der italienischen Seite. Whymper kann Douglas davon überzeugen, von der schweizer Seite aufzusteigen, um die Italiener zu schlagen. Sie kehren nach Zermatt zurück und bereiten sich auf den Aufstieg vor.

In der Nacht hat Olivia Buckingham (Veronica Appeddu), Tochter des Seilfabrikanten John Buckingham (Dean Welterlen) und Verlobte von Hadow, einen furchtbaren Alptraum. Sie träumt von einem Absturz der Bergsteiger. Da die Hochzeit mit Hadow mehr eine arrangierte Liaison ihres Vaters ist, der sich dadurch die Rettung seiner bankrotten Seilfabrik verspricht, und sie mit Hadow so gar nichts anfangen kann, ist sie längst dem Abenteurer Whymper verfallen und sorgt sich um sein Leben.
Am frühen Morgen des 13. Juli 1865 bricht die 7-köpfige Seilschaft von Zermatt aus auf. Es geht zügig voran und schon am 14. Juli betritt Edward Whymper als erster Mensch den Gipfel des Matterhorns. Sie haben es geschafft und die Italiener besiegt, die knapp 200 Meter unter dem Gipfel zu sehen sind. Der in seiner Bergführer-Ehre gekränkte Carrel gibt auf und kehrt an Ort und Stelle um. Die Italiener folgen ihm ebenso gekränkt und mürrisch. Die Engländer feiern ihren Sieg und begeben sich zurück zum Abstieg. Nur Whymper verweilt eine kurze Zeit länger auf dem Gipfel. Als er zur Gruppe stößt passiert das Unglück – Hadow rutscht aus und stürzt in die Tiefe. Er reißt Croz, Hudson und Douglas mit sich, das Reißen des Seils rettet Whymper und den beiden Taugwalder das Leben. Zurück in Zermatt löst die Nachricht über das Unglück große Bestürzung und Trauer aus. Im Hotel des Ehepaars Seiler (Ramin Dustdar und Patricia Hodell) waren die Vorbereitungen für den Empfang der Helden noch im vollen Gang, als die Überlebenden eintreffen. Der Seilfabrikant Buckingham, mit dessen angeblich unreißbarem Seil die Bergsteiger unterwegs waren, macht Whymper für das Unglück verantwortlich. Er behauptet, er habe das Seil durchgeschnitten, denn reißen könne es keinesfalls. Nachdem am nächsten Tag der Suchtrupp ohne das fehlende Ende des Seils vom Gletscher zurückkommt, wird gegen Whymper Anklage erhoben. Er habe das Beweisstück verschwinden lassen, was seine Schuld beweise. Erst der bucklige Träger Luc Meynet (Luigi Schifano) kann Whymper helfen. Er war an der Unglücksstelle und hatte das abgerissene Seil in Sicherheit gebracht. Nun kann er es dem Richter präsentieren und beweisen, dass es wirklich gerissen ist und Whymper keinerlei Schuld am Unglück hat. Mit dieser Geste dankte Meynet auch Whymper, der ihm beistand, als Carrel ihn schlecht behandelte.

Wer glaubt, bei Matterhorn handelt es sich um eine Mischung aus Volksmusik und schunkelnden Mundartprotagonisten, liegt völlig falsch. Albert Hammond mischt verschiedene Stile gekonnt und der einzelnen Szene angepasst. So wechseln sich Hip-Hop und Rap mit Balladen, Soul und klassischen Musical-Ensemblenummern ab.

Bei den Hauptrollen können Møller und Appeddu in jeder ihrer Szenen glänzend überzeugen. Besonders hervorzuheben ist Counter-Tenor Luigi Schifano, der mit seinem sehr hohen Tenor von klassischem Cembalo begleitet bei seinen beiden Soli das Publikum fesselt und frenetischen Szenenapplaus erntet.
Eine wahre Erscheinung ist Sabrina Weckerlin als Berggeist Orka. Sie tritt immer wieder aus den Bergen, warnt davor, die Ruhe der Berge zu stören und versucht auch Olivia nach ihrem Alptraum darin zu bestärken, die Bergsteiger von ihrem Vorhaben abzuhalten. Ihr orientalisch gehaltenes Kostüm unterstreicht die feenhafte Erscheinung. Auch mit ihrer herausragenden Stimme ist es ein Genuss, Ihr zuzuhören.
Auch Gegner der Besteigung ist Pfarrer Josef Ruden (Jon Geoffrey Goldsworthy). Er warnt seine Gemeinde immer wieder, auch vor der Profitgier der Einheimischen, die sich durch den Hype ums Matterhorn Touristenströme erhoffen.

In weiteren Rollen sind zu sehen Stéphanie Siegner (Rosina), Max Meister (Emil) sowie im Ensemble Anna Burger, Jil Clesse, Klaudia Dodes, Gabriela Ryffel und Pamela Zottele.
Die Matterhorn-Live-Band spielt unter der Leitung von Bernd Steixner.

Die schräge Bühne (Peter J. Davison), die sicher nicht immer einfach zu bespielen ist, wird immer wieder passend zu den Szenen mit einzelnen Requisiten bestückt. Im Hintergrund ist auf einer Leinwand das mächtige Matterhorn zu sehen. Auch bei der Besteigung zeigen passende Projektionen die prächtige Felsenlandschaft, die die Bergsteiger bezwingen (Video fettFilm Momme Hinrichs, Torge Møller). Für den richtigen Ton sorgt Michael Grund, damit die Künstler im richtigen Licht stehen und die Bühne eindrucksvoll erstrahlt ist Stephan Linde verantwortlich.
Die Kostüme von Franz Blumauer sind der Zeit angepasst. Die Choreografie von Jonathan Huor bietet visuell schöne Tanz- und Ensembleszenen.

Unter der Regie von Shekhar Kapur und Angus Wilkinson und der Dramaturgie von Marius Bolten ist dem Theater St. Gallen wieder eine Weltpremiere gelungen, die seinesgleichen sucht. Wer denkt, ein Musical über einen Berg sei langweilig, wird schnell eines Besseren belehrt. Die spannende Geschichte über die Erstbesteigung, der Wettkampf zwischen den Engländern und den Italienern, dazu eine arrangierte Dreiecksbeziehung zwischen Olivia, Hadow und Whymper – natürlich mit Happy End, die Erscheinung des Berggeists Orka – all das bietet genug Stoff für einen unterhaltsamen und abwechslungsreichen Abend, der nicht zuletzt durch die gelungene Zusammenarbeit von Michael Kunze und Albert Hammond ein weiteres Highlight im Theater St. Gallen ist.

Weitere Informationen und Tickets unter: www.theatersg.ch

Bilder: Andreas J. Etter

 

  

 

Sabine Boehm

Sabine Boehm

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